1.2.1 Kinder in Armut – mehr als man denkt

Armut in Deutschland kann man nicht vergleichen mit Zuständen in der Dritten Welt, wo es oft um das pure Überleben geht. Nicht-Armut bezieht sich eher auf den Zustand eines menschenwürdigen Lebens, das nicht von direkter materieller oder sogar existentieller Not gezeichnet ist.
Kinder, aus Familien, die von materieller Armut bedroht sind, haben auch emotionale Hürden zu überwinden. Materielle Armut bedeutet oft, dass Eltern nur wenig Zeit für ihre Kinder haben und sich um die existentiellen Probleme zuerst kümmern (müssen). Dies hat Auswirkungen auch auf den Lesekompetenzerwerb. Lesen lernt man nur, wenn man von (Bilder-)Büchern umgeben ist, wenn Zeit für Vorlesen, Erzählen von Geschichten, Lernen von Liedern und Reimversen und Gespräche über das Gelesene vorhanden ist und wenn auf Fragen der Kinder ein Erwachsener Antworten geben kann.
Eltern in materieller Not beschäftigen sich in erster Linie mit ihrer ökonomischen Situation und haben weniger zeitliche und emotionale Ressourcen für die Lernunterstützung ihrer Kinder. Wenn die Familie hier zu sehr belastet ist und wichtige Kompetenzentwicklungen nicht unterstützen kann, muss (auch) die Schule als gesellschaftliche Instanz kompensatorisch eingreifen. Dafür sollte die Schule Informationen haben, wie viele Kinder an ihrer Institution von Armut bedroht sind und welche Kinder davon besondere Unterstützung benötigen.
Materielle Armut von Kindern in Grundschulen zeigt sich konkret

    in Finanzierungsproblemen bei Schulbedarf (besonders Schulanfang), bei schulischen Veranstaltungen (Theater- und Zirkusbesuche) und bei Schullandheimfahrten,
    in emotionalen Prozessen wie Scham- und Traurigkeitsgefühle sowie Eifersuchts- und Neidemotionen,
    in manchen sozialen und interaktiven Prozessen, von denen arme Kinder ausgeschlossen sind oder sich so fühlen (weil sie bestimmte Konsumgüter nicht haben oder über bestimmte Erfahrungen aus materiellen Gründen nicht verfügen)
    und im Fehlen von Nachhilfeunterricht und psychologischer Betreuung in Lernkrisen.

Materielle Armut belastet Kinder emotional und oft auch gesundheitlich. Ihre Lern- und Arbeitsfähigkeit kann darunter leiden. Im Friedrich Jahresheft 2013 fussnote zum Thema ‚Schule und Armut' sind lesenswerte Portraits von Kindern und Jugendlichen in Armut veröffentlicht. Die Portraits sind so ausgewählt, dass sie meist ein gutes Ende haben.

Sie lassen erahnen, welche Auswirkungen materielle Armut für Kinder haben kann.

„Maurice
Maurice ist jetzt 17 Jahre alt. Zweimal musste er die Klasse wiederholen. Mit Mühe hat er jetzt den Hauptschulabschluss geschafft. Als er 13 war, hat die Mutter die Familie verlassen.
Familie – dazu gehören außer seinem Vater und ihm fünf jüngere Geschwister und ein Hund. Der Vater ist Industriearbeiter. Die Familie wohnt in zwei nebeneinanderliegenden Sozialwohnungen. Wenn ihm alles zu viel wurde, schloss der Vater die Tür zu seiner Wohnung. Dann war Maurice zuständig für seine Geschwister. Manchmal über mehrere Tage. Heimlich ist er ab und an mit seinem Fahrrad zwei Stunden in das Dorf gefahren, in dem seine Mutter wohnt. Meistens wurde er dort nicht hineingelassen. Stolz ist er darauf, dass alle seine Geschwister in die Schule gingen. Dass es dabei etwas ruppig zuging, gibt er zu. Die Lehrer haben sich manchmal gewundert, dass die Kinder ‚verwahrlost' wirkten. Aber sie haben alle fest zusammengehalten, wenn es darauf ankam. ‚Bei uns schaut keiner hinter die Kulissen'."

„Selma
Selma ist 16 und lebt im Internat. Dieses hat sie sich beraten durch die Jugendhilfe ausgesucht. Selmas Mutter ist geistig behindert und hat eine Betreuerin. Der Vater kümmert sich nicht. Die Mutter arbeitet in einer Behindertenwerkstatt. Die gemeinsame Alltagssituation erwies sich aber als desolat. Es fehlte für das Großwerden von Selma Geld, Struktur und Förderung. An mütterlicher Liebe fehlte es nicht. Die Lösung jetzt, bei der Selma in den Ferien nach Hause fährt, ist für beide gut. Gemeinsam mit der Betreuerin der Mutter bewältigen Sie das Wochenende. Wenn Selmas Mutter zum Jugendhilfegespräch in die Schule kommt, dann ist das Selma jetzt in der Pubertät schon ein wenig peinlich: „Sie ist halt so anders!"

Armut drückt sich individuell aus. Die zwei Fallbeispiele deuten an, dass Schule, wenn sie aufmerksam, respektvoll und sensibel ist, Einfluss- und Unterstützungsmöglichkeiten entwickeln kann. Kinder, die durch Armut auch emotional, volitional und motivational in ihrer Familie belastet sind, müssen eine Schule vorfinden, die

    basales Wohlbefinden im Schulalltag ermöglicht,
    Lernumgebungen anbietet, die zu Hause fehlen,
    differenzierte Lerndiagnosen für gezielte Lernförderung durchführt,
    die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts unterstützt,
    Konflikte in der Schule minimiert, um emotionale Erholung zu ermöglichen
    Hilfen über andere Sozialinstitutionen initiiert und
    finanzielle Benachteiligungen zum Beispiel bei Schulmaterial und Ausflügen auszugleichen versucht.

Armut grenzt oft auf schulischen, ökonomischen, kulturellen und politischen Ebenen aus. Die Lebensumstände materiell objektiv armer Kinder sind jedoch differenziert zu sehen. Nach einer Längsschnittstudie der Arbeiterwohlfahrt zu Kinder- und Jugendarmut (Laubstein fussnote u.a. 2010, S. 77) kann Armut in drei sich unterscheidende Gruppen differenziert werden:

    „Arm, im Wohlergehen: Arme Kinder, die trotz familiärer Armut keine offensichtlichen, nachweisbaren Benachteiligungen bzw. Beeinträchtigungen aufweisen, weder im materiellen noch im sozialen, gesundheitlichen und kulturellen Bereich.
    Arm, multipel (vielfältig) depriviert: Arme Kinder, die massive Auffälligkeiten im materiellen, sozialen, gesundheitlichen und kulturellen Lebensbereich aufweisen und deren Entwicklungsbedingungen erheblich erschwert sind.
    Arm, benachteiligt: Arme Kinder, die in einigen wenigen Bereichen auffällig sind und deren weitere Entwicklung dadurch als eingeschränkt betrachtet werden muss."

In der ersten Gruppe befinden sich die ‚resilienten' Kinder (bedeutet: belastbar, widerstandsfähig – früher als die ‚Unverwundbaren' bezeichnet). Aus meist unbekannten Gründen finden diese Kinder Teilbedingungen in ihrer Umwelt, die eine normale und gesunde Entwicklung – trotz vielfältiger Belastungen - möglich machen. Es darf aber nicht übersehen werden, dass die erst mal gelungene Lebensbewältigung auch kippen kann und die Belastungen zu viel werden können. Dann finden sich die einstmals resilienten Kinder in den folgenden beiden Gruppen.
Die anderen beiden Gruppen sprechen jene Kinder an, die in der Grundschule spezifische, planvolle und strukturierte Unterstützung benötigen. Die Schule allein kann diese Herausforderung nicht bewältigen. Hierfür ist meist eine multiprofessionelle Unterstützung notwendig. Jedoch hat die Schule auch eine eigene Verantwortung in den Bereichen Pädagogik, Diagnostik und schulische Förderung. Mehr dazu in den Anregungen am Ende des Kapitels.

 

 

 

Wie viele Kinder sind von materieller Armut bedroht?


Wie viele arme Kinder gibt es in der Grundschule? Es kommt wohl sehr auf die Kommune oder den Stadtteil an! In Ballungsräumen und dort in bestimmten Vierteln findet man mehr Armut und ebenso in wirtschaftlich schwachen ländlichen Regionen.
Nach den Berechnungen des statistischen Bundesamtes fussnote (2011) sind in Deutschland 18,9 % aller Kinder und Jugendlichen armutsgefährdet (gemessen an 60 % des Einkommensmedians des nationalen Durchschnittseinkommens). Nimmt man gemäß SGB-II (Sozialgesetzbuch II, auch Hartz-IV-Gesetz genannt) den Hartz-IV-Bezug von nicht-erwerbsfähigen Hilfebeziehern unter 15 Jahren zur Bezugsgröße, dann sind
14,9 % fussnote direkt von Armut gefährdet.
Rechnet man das auf Grundlage von SGB-II auf die 15.971 Grundschulen in Deutschland nach Schülerzahlen um, dann bedeutet dies, dass im Mittelwert jede Grundschule 25 Kinder mit Armutsrisiko unterrichtet. Bei den 131.922 Grundschulklassen heißt dies, dass im Durchschnitt 3 Kinder pro Klasse von Armut sind.
Von Armut gefährdete Grundschüler in Deutschland
auf Schulen und Klassen umgerechnet

Grundschüler in Deutschland insgesamt (2012/2013) 2.746.379 Kinder fussnote
18,9 % von Armut bedroht (Statistisches Bundesamt 2012)
14,9 % von Armut bedroht (nach Hartz-IV-Bezug 2012)
519065 Kinder
409.198 Kinder
Anzahl der Kinder (Mittelwert), die je Grundschule
von Armut bedroht sind (bei 15.971 Grundschulen insgesamt)
26 - 33 Kinder
(je Schule)
Anzahl der Kinder (Mittelwert), die je Klasse
von Armut bedroht sind (bei 131.922 Klassen insgesamt)
3 - 4 Kinder
(je Klasse)

 
In den Daten gibt es eine große Streuung zwischen wirtschaftlich prosperierenden und weniger prosperierenden Regionen, zwischen Großstädten und kleinen Kommunen sowie innerhalb von Großstädten. Man findet Grundschulen, die kaum ein Dutzend von Armut bedrohter Kinder betreuen, andere jedoch, die deutlich über 100 Kinder mit Armutsrisiken unterrichten. Zum Beispiel findet man in den nördlichen Stadtteilen der materiell sehr wohlhabenden Stadt München Schulen, in denen mehr als die Hälfte der Kinder von Armut bedroht ist.
Schule kann manches tun in ihrem Verantwortungsbereich. Sie darf sich nicht überfordern aber auch nicht die Augen vor den Herausforderungen eines kompensatorischen Unterrichts verschließen. Der Einbezug weiterer staatlicher Institutionen versteht sich von selbst. In den Materialien wird aufgezeigt, wie eine Schule das Thema ‚Armut' an ihrer Institution sensibel aufgreifen und analysieren kann. Es werden Anregungen gegeben für pädagogische Wege (zum Beispiel die intensive Förderung eines positiven Selbstkonzepts) zur Verminderung der Belastungen jener Kinder, die von Armut bedroht sind. Können die Armutsbelastungen reduziert werden, dann erhöhen sich die Chancen auf eine normale und erfolgreiche Lernentwicklung.