1.2.5.5 Schülern aus armen Familien helfen – zehn Anregungen

Welche Möglichkeiten haben nun Lehrkräfte, um Schüler und Schülerinnen aus armen Familien und deren Eltern zu unterstützen? Einerseits sind die Einflüsse von Schule insgesamt sicherlich begrenzt. Andererseits gibt es durchaus Chancen, um die Folgen für die Schülerinnen und Schüler zu lindern und sowohl ihnen als auch den Eltern neue Perspektiven zu eröffnen.

1. Versuchen Sie, die Kinder und Jugendlichen, mit denen Sie ar-beiten, ganzheitlich im Blick zu haben. Achten Sie auf Warnsignale und Auffälligkeiten. Bedenken Sie, dass Familien – meist aus Scham - viel unternehmen, um Armut zu verheimlichen oder zu überspielen.

2. Weisen Sie bei Elternbriefen, zum Beispiel zu Klassenfahrten, Lerngängen oder bei der Materialliste zu Schuljahresbeginn, immer auf Förderungsmöglichkeiten (Bildungspaket, Förderverein) hin.
Bitten Sie die Erziehungsberechtigten, sich bei Bedarf persönlich an Sie zu wenden. Sichern Sie absolute Vertraulichkeit zu. Suchen Sie auch aktiv das persönliche Gespräch.

3. Bringen Sie in Gesprächen mit Ihrer Klasse immer wieder zum Ausdruck, dass es auch ärmere Familien gibt und dass der Wert eines Menschen sich nicht am Einkommen der Eltern bemisst. Gehen Sie offensiv mit Armut um und verdeutlichen Sie damit den betreffenden Schülerinnen und Schülern, dass sie bei Ihnen Verständnis und möglicherweise auch Unterstützung bekommen kön-nen. Machen Sie ‚Armut' auch im Religions- und Ethikunterricht zum Thema. Lesen Sie Kinderliteratur, die Armut zum Thema macht (siehe 1.2.5.4).

4. Bringen Sie Ihre Beobachtungen und Erfahrungen zu bestimmten Schülern bei Klassenkonferenzen ein, um einen Austausch der Lehrerinnen und Lehrer der Klasse zu ermöglichen. Überlegen Sie hier gemeinsam nach Wegen, wie Sie von schulischer Seite das Kind bzw. die Familie unterstützen können. Auch Ihre Schulleitung kennt sicher Möglichkeiten, um die betroffenen Schüler zu unterstützen und berät Sie.

5. Suchen Sie, sofern Sie vermuten, dass eine Familie finanzielle Schwierigkeiten hat, das Gespräch mit den Eltern. Schildern Sie, sensibel und deutlich zugleich auch Ihre Wahrnehmungen und Erfahrungen und informieren Sie die Eltern über mögliche Unterstützungen und Hilfen. Fragen Sie auch, welche Vorschläge sie selbst haben, um die Situation für das Kind zu verbessern.

6. Bieten Sie den Eltern an, sofern das für Sie vertretbar ist, das Gespräch in der Wohnung der Familie zu führen. Hier haben die Eltern ein „Heimspiel" und können sich eventuell leichter öffnen als in der Schule. Gleichzeitig haben Sie eventuell die Möglichkeit, die Lebenswelt Ihres Schülers besser kennenzulernen.

7. Bitten Sie die Eltern, sofern dies noch nicht geschehen ist, sich Unterstützung bei den Sozialbehörden der Stadt bzw. des Landkreises zu holen. Informieren Sie sich über die zuständigen Ansprechpartner der Ämter und geben Sie diese Info an die Eltern weiter. Weisen Sie die Eltern auch auf weitere Hilfen, zum Beispiel durch den Förderverein der Schule, einen Sozialfond der Stadt oder durch Stiftungen, hin.

8. Überlegen Sie, wie sie den betreffenden Schülerinnen und Schülern selbst unbürokratisch helfen können, zum Beispiel, indem Sie von der Schule organisiertes Material (Ordner, Hefte, Wasserfarbenkasten, Zeichenblock, Wachsmalstifte etc.) zur Verfügung stellen.

9. Richten Sie sich über die Jahre einen eigenen „Fundus" an Materialien an, die liegengeblieben sind oder von weggezogenen Schülern nicht mitgenommen wurden. Vielleicht lassen sich auch Fundsachen aus der Schule am Ende des Schuljahres als günstigen Flohmarkt oder Basar auf Spendenbasis verkaufen. Den Erlös kann man dann wieder dem Sozialfond spenden.

10. Bleiben Sie realistisch bei Ihren Ansprüchen, Ihren Schülerinnen und Schülern aus armen Familien zu helfen. Schule insgesamt hat nur sehr begrenzte Möglichkeiten der Einflussnahme auf Familien. Seien Sie glücklich, wenn Sie punktuell helfen können. Rechnen Sie auch mit Widerständen auf Seiten der Schüler und Eltern sowie mit Rückschlägen.

© Friedrich Jahresheft 2013, S. 95 (leicht verändert)