1.2.4 Risikokinder­‐Monitoring für belastete Kinder

Betrachtet man im Prozess des Schriftspracherwerbs die Situation von belasteten Kindern (mit oder ohne Zuwanderungshintergrund) mit einem pädagogischen Blick, dann sieht man, dass die Belastungen durchschlagen und viele dieser Kinder eine je spezifische Entwicklungsunterstützung brauchen. Die Forschungslage ist klar: Materielle, physische oder psychische Belastungen sowie sprachliche und herkunftsbezogene Benachteiligungen können den Schriftspracherwerb erschweren. Wie kann eine Grundschule möglichst präventive Vorkehrungen treffen?
Dies gelingt durch eine vorausschauende Diagnostik und die präventive Bereitstellung von Fördermaßnahmen. Die hohe Zahl von Jugendlichen, die Schulen ohne Abschluss verlassen (jährlich jeweils zwischen fünf und sechs Prozent) deutet an, dass statistisch betrachtet ein bis zwei Kinder in jeder Grundschulklasse nicht ausreichend als belastete Kinder erkannt und gefördert wurden. Jede Grundschule sollte deshalb ein systematisches Monitoring in Bezug auf ihre belasteten Kinder etablieren. Kinder, die in außergewöhnlichen Belastungssituationen leben gehen das Risiko ein, in ihrer Lernentwicklung keine Mindeststandards erreichen zu können. Diese Kinder sollen hier als sogenannte ‚Risikokinder' bezeichnet werden.
Zu Beginn eines Schuljahres bietet sich die Einberufung einer Themenkonferenz ‚besonders belastete Kinder' an. Auf dieser Konferenz soll ein Monitoring (systematische Erfassung der ‚Situation von belasteten Kinder' an der Schule) auf den Weg gebracht werden. Folgende Schritte führen zu einem professionellen Umgang mit dieser Herausforderung:

  1.     Die Schulleitung/Die Lehrerkonferenz sucht im Kollegium Expertentandems für spezifische Belastungsthematiken wie zum Beispiel ‚Kinder von Armut bedroht' oder ‚Kinder mit Zuwanderungshintergrund' und etabliert sie für ein Schuljahr.
  2.     Die Schule arbeitet mit einem standardisierten und auf die eigene Schülerpopulation zugeschnittenen Risikokinder-Beobachtungsbogen (zum Beispiel Material 1.2.5.1).
  3.     Zweimal im Schuljahr (nach dem ersten Schulbesuchsmonat und zum Schulhalbjahr) berichten die betroffenen Klassenlehrkräfte der Schulleitung/Steuergruppe über die Entwicklung der Risikokinder nach einem standardisierten Beobachtungsbogen (zum Beispiel Material 1.2.5.1)
  4.     Auf zwei Lehrerkonferenzen im Schuljahr steht das Risikokinder-Monitoring auf der Tagesordnung. Auf dieser Konferenz werden die nötigen Fördermaßnahmen diskutiert und beschlossen.
  5.     Die Schule unterscheidet bei den Fördermaßnahmen zwischen innerer Differenzierung im Klassenunterricht und der Bereitstellung von Förderzeiten außerhalb der Klasse (parallel zum Unterricht oder nach dem Unterricht). Es ist nicht davon auszugehen, dass alle Fördermaßnahmen durch innere Differenzierung abzudecken sind.
  6.     Die Schule unterscheidet zwischen schulischen Fördermaßnahmen und externen Maßnahmen, die andere Institutionen übernehmen müssen (Sozialamt, schulpsychologischer Dienst, mobiler sonderpädagogischer Dienst, u.a.m.). Die Schulleitung/Die Lehrerkonferenz installiert ein Expertentandem für die Kooperation mit den sozialen Diensten.
  7.     Die Schule bevorzugt lange Förderzyklen. Systematische Beobachtungen und differenzierte nach individuellen Lernbedürfnissen gestaltetet Fördermaßnahmen sollten mindestens über zwei Jahre hinweg durchgeführt werden.

Zusammengefasst kann man feststellen, dass viele Schule je nach Region und Stadtviertel eine erstaunlich hohe Zahl von Kindern mit besonderen Belastungen unterrichten. Diese Kinder sind oft auf zusätzliche Fördermaßnahmen angewiesen. Der erste Schritt für ein ‚Belastungs-Monitoring' ist die quantitative und qualitative Analyse des Ist-Zustandes an der Schule zum Beispiel durch den ‚Beobachtungsbogen-Risikokinder'. Der zweite Schritt ist die Etablierung von Fördermaßnahmen. In einem dritten Schritt wird das Monitoring als pädagogische Routine institutionell verankert. Hauptmerkmale sind dabei die Regelmäßigkeit der Datenergebung und die Anpassung der Fördermaßnahmen an die aktuellen Bedarfe der Risikokinder. Werden von den zuständigen Stellen nicht ausreichend Lehrerstunden zur Verfügung gestellt, kann die Ist-Stand-Analyse dazu dienen, diesen Bedarf zu begründen und entsprechend bei Eltern sowie Kommunal- und Landesparlamenten bekannt zu machen.