Gesamtkonzeption

3. UE – Training Lesestrategien

Die Ergebnisse der IGLU-, PISA- und DESI-Studien zeigen, dass zu viele Schülerinnen und Schüler Probleme mit dem Textverständnis haben. Sie lesen (decodieren) zwar Texte technisch befriedigend, können aber die im Text vorhandenen Inhalte nur unzureichend nachvollziehen, erkennen oftmals den ‚roten Faden’ nicht oder nur wenig in der Lage sind, die konkreten Textinformationen mit dem eigenen Weltwissen sinnvoll zu verknüpfen. In der Fachliteratur ist man sich einig, dass hierbei ein Training von Lesestrategien hilfreich ist. Aber was sind Lesestrategien genau?

„Lesestrategien werden als ‚mentale Werkzeuge’ angesehen, mit denen die Schüler(innen) die
hierarchiehohen Verstehensanforderungen von Texten während des Lesens auf verschiedenen kognitiven Ebenen gezielt unterstützen können. (Rosebrock & Nix, 2008, S. 59) 

Deutlich machen kann man die Bedeutung von Lesestrategien an dieser Stelle mit konkreten Beispiellisten. Hierbei handelt es sich teilweise um Basisstrategien, Vorübungen und heranführende Techniken. Intensiv zu übende Vorläuferkompetenzen zur effektiven Arbeit mit Lesestrategien sind

  • das rasche Nachschlagen in Lexika,
  • die schnelle Begriffsrecherche im Internet,
  • die produktive und konfliktfreie Kooperation mit dem Banknachbarn,
  • die Kenntnis von Mindmap-Strukturen und
  • das Erkennen von wesentlichen Schlüsselbegriffen in Texten.

Rosebrock & Nix (2008, S. 65f.) machen konkrete Vorschläge und bieten eine Differenzierung in verschiedene Arten von Lesestrategien an. Im Folgenden wird diese Struktur teilweise verändert und für die Projektziele in „wir-foerdern-lesen.de“ ergänzt dargestellt.

A) Ordnende Lesestrategien

Leseziel: Den Text strukturieren und auf seine wesentlichen Kernaussagen reduzieren

  • Schlüsselwörter erkennen, begründen und markieren
  • Unbekannte Begriffe markieren und in Lexika/im Internet recherchieren
  • Zwischenüberschriften zu Absätzen formulieren
  • Kernaussage eines Textabschnittes in einem Satz zusammenfassen
  • Einen zentralen Satz pro Abschnitt herausschreiben
  • Die wichtigsten Stichwörter eines Textabschnittes zusammenstellen
  • Lehrerfragen zum Text beantworten
  • Multiple-Choice-Fragen beantworten
  • Eigene Fragen zum Verständnis für die Mitschüler formulieren
  • Schlüsselbegriffe konzeptgeleitet miteinander am Rand des Textes verbinden
  • Den Argumentationsgang (den ‚roten Faden’) des Textabschnittes herausarbeiten
  • Stichwortlisten zum Nacherzählen / zum Zusammenfassen des Textes erstellen
  • Stellen im Text markieren, an denen das Thema/die Argumentation wechselt
  • Eine ‚Mindmap’ zum Text erstellen, in der die Haupt- und Unterideen identifiziert und in eine graphische Ordnung gebracht werden
  • Eine Zusammenfassung in sieben Sätzen schreiben

B) Inhalte verknüpfende Lesestrategien

Leseziel: Über die unmittelbare Textebene bewusst ‚hinausgehen’ (elaborieren’), um den Textinhalt gezielt mit Vorwissen, Gefühlen, Meinungen, inneren Bildern usw. der Leser(innen) in Beziehung zu setzen.

  • Erwartungsfragen an den Text selbst formulieren und nach der Lektüre beantworten.
  • Textstellen oder Textabläufe visualisieren
  • Eigene Erfahrungen bzw. eigenes Wissen zur Thematik am Textrand mitnotieren
  • Absätze in eigenen Worten reformulieren
  • Eine eigene Meinung zu Textstellen formulieren
  • Den aktuellen Text mit anderen Texten in Beziehung setzen und vergleichen
  • Texte im Partnergespräch/in der Kleingruppe klären, Brainstorming oder Blitzlichtrunden durchführen

 

C) Wiederholende und vertiefende Lesestrategien(für gute und schwache Leser(innen))

Leseziel: Eine erneute intensivierte Textauseinandersetzung einleiten, um die Verstehens- und Behaltensleistungen zu vertiefen.

  • Schwierige Textstellen wiederholt und verlangsamt lesen und im Text einen Satz/einen Absatz  vor und zurück springen (um den Kontext besser zu erkennen)
  • Sich selbst Fragen stellen wie zum Beispiel: Welchen Aspekt habe ich verstanden, welchen nicht? Was hat mir gefallen? Was lehne ich ab und weshalb? Welche Textstellen sind klar und welche muss ich noch mehr durcharbeiten?
  • Bestimmte Textstellen wiederholt sich oder dem Nachbarn laut vorlesen. Gerade bei schwächeren Lesern kann die phonologische Rekodierung dazu beitragen, die Intention der Textpassage besser zu verstehen.
  • Problematische Passagen abschreiben bzw. gezielte Notizen zum Wortlaut des Textes anfertigen
  • Eine PPP erstellen für einen Vortrag in der Nachbarklasse

 

Dieser kurze Überblick mag hier zur Einführung genügen (differenzierteres in Kapitel 3).

 

Wie würde eine idealtypische Schule didaktisch mit dem Konstrukt „Lesestrategien“ umgehen? Es werden fünf zentrale Schritte beschrieben:

 

Die folgenden fünf Schritte zeigen einen möglichen Weg, den eine (idealtypische) Leseschule zur Thematik „Lesestrategien“ gehen könnte.

 

 

 

1. Schritt: Eine Leseschule führt Lesestrategien gezielt und mit viel Übungszeit ein.

Lesestrategien bedürfen einer intensiven erklärenden Einführung und einer vielfachen Übung. Schwächere Leser(innen) müssen 100 Mal Schlüsselwörter identifiziert haben, bevor sie zu verstehen beginnen, was damit in der ganzen Komplexität von Textzusammenhängen gemeint sein kann. Wer nicht 50 Mal einen Text zusammengefasst und einer Gruppe die Zusammenfassung an Hand von sieben Stichpunkten vorgetragen hat, wird bei dieser Aufgabenstellung nicht sicher werden. Es geht hier nicht um ein Abhaken von einzelnen Lehrplanpunkten, es geht um die Herausbildung von Kernkompetenzen beim Textverstehen.

 

2. Schritt: Eine Leseschule arbeitet mit verschiedenen Lesestrategieniveaus

Rosebrock & Nix (2008, S. 65f.) haben die Lesestrategien in drei Niveaus eingeteilt: a) ordnende Lesestrategien, b) inhaltsverknüpfende Lesestrategien und c) wiederholende und vertiefende Lesestrategien. Eine Leseschule differenziert mit Hilfe dieser Niveaus und bietet schwachen wie starken Leser(innen) jene Strategien an, die ihnen helfen, Texte auf ihrem aktuellen Leistungsvermögen besser zu verstehen.

 

 

3. Schritt: Eine Leseschule einigt sich auf einen Fundus von gemeinsam in allen Klassen angewendeten Lesestrategien

Eine Leseschule arbeitet konzeptionell. Die Jahrgangsstufen einigen sich auf eine bestimmte Anzahl von Lesestrategien, die klassenübergreifend und jahrgangsstufenübergreifend gemeinsam eingeführt und geübt werden. Der Fundus wird von allen betroffenen Lehrkräften gemeinsam entwickelt und verantwortlich umgesetzt.

 

4. Schritt: Eine Leseschule trainiert Lesestrategien und Textverständnis jeden Tag

Eine Leseschule ist sich bewusst, dass sie Lesekompetenzen, Lesefähigkeiten auf möglichst hohem Niveau entwickeln will. Dazu ist sie bereit, die nötige Übungs- und Lesezeit einzuplanen. Sie weiß, dass das meiste andere schulische Lernen von einer gut entwickelten Lesekompetenz abhängt. Eine Leseschule hat viele fachliche Gründe, weshalb sie drei bis fünf Unterrichtsstunden in der Woche speziell für die Entwicklung einer hohen Lesekompetenz einplant.

 

5. Schritt: Eine Leseschule arbeitet in allen Fächern mit Lesestrategietrainings

Eine Leseschule weiß, dass in allen Fächern Texte die wesentliche Grundlage für das Lernen und Verstehen sind. Deshalb fördert eine Leseschule in allen Fächern – domänenspezifisch – die Lesekompetenz durch Lesestrategietrainings. Eine Leseschule verfügt über spezifische Textverständnisstrategien und fachgerechte Strategietrainings für jedes Fach. Leseförderung macht in Mathematik, in Physik, in Chemie wie im Fach Kunst Sinn. Wer nicht in allen Fächern Leseförderung plant und durchführt, lässt die untere Leistungshälfte der Schülerschaft mit ihren Verstehensproblemen weitgehend alleine.

 

In Kapitel drei finden Sie zusätzliche Lesestrategieprogramme, die zu den oben dargestellten Strategielisten in sich geschlossene Trainingsvorschläge machen.