Gesamtkonzeption

6. Schulhausspezifische Lesekultur

Aktuelle Forschungsergebnisse zur Effizienz von Leseförderung legen den Schluss nahe, dass das Konstrukt „schulspezifische Lesekultur“ einen hohen positiven Einfluss auf die Lesekompetenzförderung besitzt. Eine schulspezifische Lesekultur setzt sich in unterschiedlicher Ausprägung aus vielen Faktoren zusammen. Zur Lesekultur einer Schule können gehören:

  1. leseförderliche pädagogische Einstellungen der Lehrenden (z.B. die Haltung, schwachen Lesern emotional positiv besetzte Leseumgebungen anzubieten, Inhaltspräferenzen der beiden Geschlechter Raum zu geben, Risikoschülern die nötige Zeit für Kompetenzerwerb zur Verfügung zu stellen),
  2. tägliche Konfrontation mit lustvollen und herausfordernden Texten als schulische Selbstverständlichkeit (z.B. durch freie Lesezeiten und durch klare Verstehensanforderungen bei anspruchsvollen Sachtexten)
  3. Angebot an schuleigenen und kommunalen Bibliotheken und deren häufige Nutzung,
  4. Vorbildwirkung der Lehrenden, die auch als Lesende und an bestimmtem Lesestoff interessierte Menschen von den Schülern wahrgenommen werden (z.B. durch Gespräche über Lieblingsbücher und Lieblingsthematiken),
  5. Einbindung von externen Kooperationspartnern in Form von Lesepaten, Sponsoren und Multiplikatoren,
  6. Wettbewerbe auf allen Niveaus, Preise, Urkunden und Anerkennungsrituale,
  7. Differenzierung und Individualisierung,
  8. breites Angebot an Klassenlektüren für alle Niveaus,
  9. Einführung des Prinzips „Ein Buch in den Ferien“,
  10. Kooperation mit den Klassenelternsprecherinnen, Einbeziehung des Elternbeirats, Fokussierung der Aktivitäten des Elternbeirats auf das Leseprojekt,
  11. Angebot an Lesungen, Lesenächten und Leseevents,
  12. Stetige Vermittlung der „Wichtigkeit“ von Lesen u.a.m.

Lesekultur bezeichnet das Gesamt an Leseaktivitäten und Leseangeboten an einer Schule. Lesen im Rahmen einer ganzheitliche Kultur ist kein besonderes Thema für die Schüler, sondern die alltägliche Begegnung mit Texten, Büchern und Leseanlässen, denen man sich auch in den eher anstrengenden Leseanlässen wie selbstverständlich aussetzt und sie zu bewältigen sucht. Wie kann ein Weg aussehen, der zu einer für die Schüler wirkungsvollen Lesekultur führt? Zehn Schritte:

  1. Schritt: Das gesamte Kollegium unterstützt den Weg zur Leseschule.
  2. Schritt: In der Steuergruppe arbeiten Elternvertreterinnen mit.
  3. Schritt: Alle am Projekt beteiligten Personen bilden sich in Sachen Leseförderung weiter.
  4. Schritt: Die Interessen der Schüler bestimmen überwiegend die Lektüreauswahl.
  5. Schritt: Schüler bekommen Zeit und Räume für Buchvorstellungen und gemeinsames Lesen von „In-Büchern“ in der peer-group.
  6. Schritt: Die Schule baut die schuleigene Bibliothek massiv aus und sorgt für leserfreundliche Nutzungszeiten.
  7. Schritt: Die Schule kümmert sich intensiv um die Risikoschüler und Superleser.
  8. Schritt: Das Prinzip „Ein Buch in den Ferien“ wird als festes Ritual der Leseschule eingeführt. Hier tritt die Leseschule gegenüber Schülern und Elternhaus „fordernd“ auf.
  9. Schritt: Für Spezialprobleme initiiert die Schule Expertenteams, die entsprechende Fortbildungen besuchen und die Erkenntnisse weitergeben.
  10. Schritt: Jedes Jahr gibt eine Projektwoche „Lesen“, in der sich alles ums Lesen dreht. Zum Beispiel mit folgenden Projekttiteln:
    • Lesen Tag und Nacht
    • Lesen & Vorlesen – Amateure & Profis
    • Lesen mit Eltern und Lehrern
    • Lesen was Spaß macht – eine Woche lang
    • 100 Bücher lesen – in einer Woche – als Klasse in der Schule & zu Hause
    • Lesewettbewerbe – wie es uns gefällt
    • Schüler lesen vor – im Kindergarten, im Altenheim und im Krankenhaus

Lesekultur wächst an einer Schule Schritt für Schritt heran. Und jede Schule hat schon zu Beginn des Leseprojekts eine eigene Lesekultur – meist jedoch unverbunden und wenig beachtet. Ab einem bestimmten Zeitpunkt spürt die Schule, dass sie die Schwelle zur „Lesekulturschule“ überschritten hat. Ab da geht vieles leichter, weil jede positive Kultur eigene Kräfte entwickelt und kreative Ideen produziert.

Eine Lesekulturschule strahlt positiv nach außen. Die Eltern nehmen wahr, dass sich die Schule ihrer Kinder um das Lesen jeden Tag besonders kümmert. Sie gehen auf die Leseelternabende, schenken zu Feiertagen nun stets auch Bücher und lesen mehr vor, weil die Klassenlehrerin ihnen das oft ans Herz gelegt hat. Die leseschwachen Schüler bemerken, dass ihnen wirklich geholfen wird, dass sie Schritt für Schritt besser werden, weil sie täglich in einer kleinen Gruppe üben können. Die Superleser erleben, dass ihre Fähigkeiten gewürdigt werden und sie frei eigene Texte und Bücher schreiben können. Und die Kommune registriert, dass sich ihre Schule weiterbildet, eine respektable Schulbibliothek aufgebaut hat und Kooperationspartner kreativ einbindet. Wenn über die Leseschule gesprochen, schwingt mit: Die kümmern sich! Das ist eine gute Schule.