Gesamtkonzeption

Gesamtkonzeption am Beispiel einer idealtypischen Schule

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Dieser Baustein gibt Ihnen einen Überblick zu den zentralen theoretischen und konzeptionellen Grundlagen dieses Weiterbildungsprojekts. Im Zentrum steht die Unterrichtsentwicklung. Die anderen Dimensionen (forschungsbasierte Grundlagen, Organisationsentwicklung und Schulkultur) haben dienende Funktion. 

Die einzelnen Schwerpunkte werden an einer fiktiven und idealtypischen Leseschule beschrieben. Bei dieser idealtypischen Schule fließen viele Aktivitäten und Verhaltensweisen jener Schulen mit ein, die bereits in den letzten Jahren mit der Konzeption „wir-foerdern-lesen“ gearbeitet haben. Die folgenden Kurzkapitel finden sich ausführlicher in den einzelnen Bausteinen des Leseportals „wie-foerdern-lesen.de“ wieder.

 


Einleitung

Insgesamt liegen vier Gestaltungsebenen der Konzeption „wie-foerdern-lesen“ zugrunde. Im Mittelpunkt steht hierbei die Unterrichtsentwicklung – die Kern-Herausforderung jeder Schule: „Im Mittelpunkt der Qualitätsüberlegungen muss eine hohe Qualität des Lehrens stehen … Die Qualität des Bildungswesens ergibt sich nämlich letztlich daraus, ob es gelingt, die Schule für möglichst alle Schüler zu produktiven Räumen ihrer Entwicklung werden zu lassen ( Helmut Fend, 1998, S. 377). Gute Schulforscher haben sich stets in erster Linie um den Unterricht gekümmert. Jedoch setzt guter Unterricht flankierende Dimensionen voraus. Hier hat die Schulentwicklungsforschung wichtige Daten in den letzten drei Jahrzehnten geliefert. Was ist Schulentwicklung? Schulentwicklung ist nach Rolff (1999, S. 19) der „Systemzusammenhang von Organisations-, Unterrichts- und Personalentwicklung“ mit der Perspektive ‚Einzelschule’. Vielfache Studien haben nachgewiesen, dass sich Unterrichtsqualität in den einzelnen Klassen dann entwickelt wenn sich a) die ganze Schule auf den Weg macht und b) eine systematische Organisationsentwicklung auf den Weg gebracht wird, die möglichst viele Beteiligte aktiv mit einbezieht. In Bezug auf unser Projekt ergeben sich vier Gestaltungsebenen.

Vier Gestaltungsebenen

Diese vier Gestaltungsebenen hängen vielfältig zusammen. Das folgende Beispiel der idealtypischen Leseschule zeigt in einem ersten Schritt implizit manche dieser Zusammenhänge auf. Intensiver diskutiert werden sie in den einzelnen Bausteinen des Leseportals „wir-foerdern-lesen.de“.

 


1. Forschungsbasierte Grundlagen

Lesen gilt in der Unterrichts-, Lehr- und Lernforschung als eine der entscheidenden Basisqualifikationen, ohne die erfolgreiches Lernen nicht möglich ist. Die Forschungzum Erwerb von Lesekompetenz hat in den letzten 15 Jahren enorm an Fahrt aufgenommen. Die Daten sind so eindeutig und durch viele Studien bestätigt, dass gute Praktikerinnen und Praktiker daran nicht vorbeikommen. Eine systematische Leseförderung in allen Klassenstufen bedarf auch einer Entwicklung der Organisation – also der Einzelschule und ihrer Teile. Wie wesentlich diese Auseinandersetzung mit dem „state of the art“ ist – also dem am höchsten verfügbaren Entwicklungsstand der Lesedidaktik und -methodik sowie der Schulentwicklung – zeigen die Ergebnisse des EU-Projekts ADORE.

ADORE untersuchte in 11 EU-Ländern Best-Practice-Modelle zur Förderung leseschwacher Jugendlicher und leitete daraus Schlüsselelemente für eine erfolgreiche Leseförderung ab. Zwei zentrale Erkenntnisse lauten:

a) Positive Initiativen von Einzelnen bleiben wirkungslos, wenn sie nicht gestützt werden durch Maßnahmen oder Strukturen auf Schulebene (z.B. Partizipation der Lehrkräfte), regionaler und nationaler Ebene (z.B. Weiterbildung, Leseforschung und finanzielle Unterstützung).

b) Kontinuierliche (Weiter-)Qualifizierung aller Beteiligten ist Grundlage für effiziente Leseförderung.

Ebenso weiß man heute viel über effektive Organisations-Entwicklungsschritte einer Schule auf dem Weg zu hoher Unterrichtsqualität. Ohne Leitbild- und Schulprogramm, ohne flexible Schulleitungen und kreative Steuergruppen sind wirklich gute Schulen nicht mehr vorstellbar. Dieses neue Wissen muss einen Weg in die Köpfe aller Beteiligten finden. Man weiß, dass dies nicht als Selbstläufer nur über das Studium von Fachzeitschriften zu erwarten ist. Neues didaktisches Wissen und Können kommt an die Schulen, wenn die Schulen sich gemeinsam als ganze Organisation um fachliche Weiterbildung bemühen.

Anregung-1: Neues auf gemeinsamen Weiterbildungen einführen

Nur ein Teil von Lehrkräften liest regelmäßig Fachliteratur. Neues didaktisches Wissen sollte für das Gros des Kollegiums deshalb auf Weiterbildungen vermittelt werden. Inhaltlich kann dieses Wissen durch die Installierung von Jahrgangsstufenteams abgesichert werden. Ein Teammitglied ist meist gut und aktuell informiert. Mit dem Leseportal „wir-foerdern-lesen.de“ versuchen wir zudem, ein übersichtliches Wissensmanagement (auch mit kurzen Fachtexten) zur Verfügung zu stellen, das explizit für dieses Projekt inhaltlich ausgerichtet ist.

Anregung-2: Expertinnen- und Expertentandems zu Spezialthemen installieren

Zu Thematiken wie Lesetestdurchführungen, eine Förderung sehr leseschwacher Schüler oder einer Sammlung von Materialien für Superleser bestimmt die Schule sogenannte Expertentandems. Es genügt, wenn zwei Lehrkräfte zu Spezialthemen auf dem Stand der „didaktischen“ Kunst sind. Diese Tandems besuchen die entsprechenden Fortbildungen, lesen die einschlägigen Fachartikel und vermitteln Ihre Kenntnisse an das Kollegium.

Anregung-3: Organisationsentwicklung ist Sache der Schulleitung & der Steuergruppe

Die Entwicklung der Organisation ist zuerst Gestaltungsaufgabe der Schulleitung. Eine kluge Schulleitung teilt diese Arbeit mit einer Steuergruppe. Zur Organisationsentwicklung gehören Themen wie Teambildung, Weiterbildung, externe Kooperationen, Qualitätsmanagement, übergreifendes Projektmanagement, etc. 

Einen Einstieg in die aktuelle Fachdiskussion und in die gesicherten Forschungsbefunde gibt Ihnen das Leseportal „wir-foerdern-lesen.de“. Hier sind speziell für die Grund- und Mittelschulen wesentlichen Aspekte angesprochen.

 


2. Organisations- und Personalentwicklung

Welche Schritte geht eine idealtypische Leseschule in der Organisations- und Personalentwicklung zu Beginn eines mehrjährigen Leseprojekts? Unter Organisationsentwicklung versteht Rolff (2003) folgende Inhaltsbereiche: Schulleitbild, Schulprogramm, Schulkultur, Erziehungsklima, Schulmanagement, Teamentwicklung, Evaluation, Kooperation, Steuergruppe, u.a.

Personalentwicklung umfasst bei Rolff (ebd.) Zielvereinbarungen zur Weiterbildung, Lehrer-Feedback, Kommunikation und Kooperation im Kollegium, Schulleitungsberatung, Jahresgespräche, Hospitationen, u.a.

Die folgenden acht Schritte zeigen den möglichen Weg zu einer (idealtypischen) Leseschule auf. Es sei darauf hingewiesen, dass die Schulen in Wirklichkeit ihren jeweils eigenen Weg gehen. Trotzdem kann bei der Orientierung zu Beginn des Weges folgende Schrittfolge helfen.
 


1. Schritt: Wir entscheiden uns für ein Leitbild: „Wir sind eine Leseschule!“

Eine solche Entscheidung basiert auf den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler. Besonders Schulen mit nur unterdurchschnittlichen Leseleistungen haben besonders Grund, eine Leseschule zu werden. Ohne gute Lesekompetenzen bleibt alles andere (schulische) Lernen ebenfalls nicht gut. Auch Schulen mit „nur“ durchschnittlichen Leseleistungen können von einer „Leseschule“ sehr profitieren. Denn je höher die Lesekompetenz an einer Schule entwickelt ist, desto anspruchsvollere Inhalte können vermittelt werden. Lesekompetenz ist ein entscheidender Qualitätsfaktor für die Effizienz des Lernens an einer Schule. Wesentlich ist, dass die Leitbildentscheidung von allen betroffenen Schulgruppen breit getragen wird. Große Teile des Kollegiums und der Elternschaft müssen eine Schwerpunktsetzung „Lesen“ engagiert mittragen können. Die Entscheidung für ein Leitbild wird in einer Gesamtkonferenz diskutiert und beschlossen. Idealerweise ist der Elternbeirat von Anfang an eingebunden. Erfahrungen zeigen, dass das Thema „Lesen“ sowohl in der Elternschaft wie im Kollegium einen hohen Anerkennungswert hat. Differenzierteres siehe Baustein 2 im Leseportal.

 

2. Schritt: Schulleitung und Kollegium installieren gemeinsam eine Steuergruppe

In einem möglichst offenen Verfahren bildet sich eine Steuergruppe. Sie hat die Aufgabe, das Gesamtprojekt auf Basis der Beschlüsse der Gesamtkonferenz zu organisieren. In einer Steuergruppe zum zentralen Leitbildthema der Schule muss stets die Schulleitung vertreten sein. Dies verkürzt die Entscheidungswege und macht die Steuergruppe zu einer bedeutenden Gruppe an der Schule. Eine kluge Schulleitung hält die Teilnahme an den Steuergruppenterminen für alle Lehrkräfte offen.

 

3. Schritt: Die Steuergruppe installiert einen Lese-Jour-Fixe

Im ersten dreiviertel Jahr des Projekts gibt es viele Dinge zu organisieren und auf den Weg zu bringen. Termine, auf die man sich langfristig einstellen kann, werden schnell nicht mehr als lästig empfunden (falls man dann auch produktiv arbeitet). Die Erfahrung zeigt, dass vierzehntägige Abstände sinnvoll sind. Damit können sich auch Kollegiumsmitglieder auf Termine einstellen, wenn sie nicht feste Mitglieder der Steuergruppe sind.

 

4. Schritt: Die Steuergruppe organisiert die nötigen Weiterbildungsschritte

Die Etablierung einer Leseschule hängt eng mit dem Wissen über Leseförderung im Kollegium ab. Die neuen didaktischen Erkenntnisse aus der Leseforschung müssen vermittelt werden. Dieser Aspekt der Personalentwicklung ist zentrale Aufgabe der Steuergruppe. Hierbei werden sowohl Thematiken für alle am Projekt teilnehmenden Lehrkräfte ausgewählt sowie die Themenbereiche für Spezialistentandems.

 

5. Schritt: Die Steuergruppe bereitet ein Leseprogramm im Mai/Juni für die Gesamtkonferenz vor

Zuerst müssen alle bestehenden Leseförderaktivitäten und bereits verankerte Aspekte der Leseförderung in das künftige Leseprogramm an erster Stelle integriert werden, wie zum Beispiel eine bereits vorhandene Kooperation mit der Gemeindebücherei. Danach werden die weiteren Programmpunkte eingepasst. Wichtig ist, dass über längere Zeiträume geplant wird und dass Meilensteine fixiert werden. Es schadet nie, wenn man einen Dreimonatspuffer einbaut, sodass eine Flexibilisierung der Umsetzung möglich wird. Die Steuergruppe sollte für diese Arbeit ihre Termine öffnen, so dass alle Lehrkräfte potentiell die Möglichkeit haben, von Anfang an bei der Programmgestaltung mitwirken zu können.

 

6. Schritt: Die Gesamtkonferenz diskutiert, ergänzt und beschließt das Leseprogramm

Wesentlich ist, dass die Steuergruppe das Leseprogramm vorbereitet, aber nicht beschließt. Der Gesamtlehrerkonferenz (falls möglich, integriert die ideale Leseschule bereits hier den Elternbeirat) bleibt es vorbehalten, die grundsätzlichen Beschlüsse zu fassen. Danach kann die Steuergruppe auch mit Autorität dieses Programm umsetzen.

 

7. Schritt: Die Steuergruppe organisiert die nötigen Arbeiten zur Umsetzung des Leseprogramms (incl. Förderschiene)

Will man eine Förderschiene zum Beispiel in zwei Jahrgangsstufen etablieren, müssen bereits stundenplantechnische Entscheidungen vor Beginn des neuen Schuljahres getroffen werden. Fortbildungstermine, Referenten und Materialien gilt es zu besorgen. Klassenlektüren müssen ausgesucht, abgesprochen und bestellt werden. Für Spezialthemen müssen Lehrertandems gefunden und motiviert werden, um das nötige Fachwissen aufzubauen. Es gibt viel zu tun!

 

8. Schritt: Die Steuergruppe initiiert mit großer Sorgfalt die Jahrgangsstufenteams

Die Wirkungen von Weiterbildungen und die Effizienz von Schulprogrammen hängen von der Qualität der Teamarbeit an einer Schule ab. Ganz nahe am Unterricht arbeiten die Jahrgangsstufenteams. Sie sind die Garanten dafür, dass die Qualität der Leseförderung tatsächlich steigt. Die Weiterbildungen können noch so gut sein, die Schulleitung noch so kreativ und flexibel sein, die Steuergruppe kann noch so effizient sein, wenn die Jahrgangsstufenteams nicht gut arbeiten, war vieles umsonst. Es lohnt sich, viel Mühe auf die Einführung von Jahrgangsstufenteams zu verwenden. Oft hilft es, als Schulleitung den Jahrgangsstufenteams einen festen Wochen-Jour-Fixe einzurichten.

8 Schritte

Meist umfasst die Organisationsentwicklung einer Leseschule noch viele weitere Einzelaspekte. Hier wird mit den acht Schritten darauf Wert gelegt, die Leitbildentscheidung einerseits integrativ und kommunikativ auf den Weg zu bringen, andererseits eine effektive organisatorische Umsetzung durch die Installierung einer Steuergruppe zu gewährleisten. Vieles an Lösungen entsteht im Prozess und benötigt eine flexible und engagierte Steuergruppenarbeit. Konfliktmanagement und die Einbindung von Skeptikerinnen und Skeptikern sind weitere Aufgaben der Steuergruppe bzw. der Schulleitung.

 

Das folgende Beispiel eines idealtypischen Lese-Schulprogramms zeigt auf, welche Schwerpunkte mit Blick auf die Weiterbildungsinhalte vorstellbar sind.

1. Beispiel

1. Beispiel eines idealtypischen Lese-Schulprogramms für zwei Jahre mit Fokus auf die Weiterbildungsinhalte

(zum Öffnen Bild anklicken)

2. Beispiel

2. Beispiel eines idealtypischen Lese-Schulprogramms für zwei Jahre mit Fokus auf Methodik und Didaktik)

(zum Öffnen Bild anklicken)

 

 


3. UE – Training Lesestrategien

Die Ergebnisse der IGLU-, PISA- und DESI-Studien zeigen, dass zu viele Schülerinnen und Schüler Probleme mit dem Textverständnis haben. Sie lesen (decodieren) zwar Texte technisch befriedigend, können aber die im Text vorhandenen Inhalte nur unzureichend nachvollziehen, erkennen oftmals den ‚roten Faden’ nicht oder nur wenig in der Lage sind, die konkreten Textinformationen mit dem eigenen Weltwissen sinnvoll zu verknüpfen. In der Fachliteratur ist man sich einig, dass hierbei ein Training von Lesestrategien hilfreich ist. Aber was sind Lesestrategien genau?

„Lesestrategien werden als ‚mentale Werkzeuge’ angesehen, mit denen die Schüler(innen) die
hierarchiehohen Verstehensanforderungen von Texten während des Lesens auf verschiedenen kognitiven Ebenen gezielt unterstützen können. (Rosebrock & Nix, 2008, S. 59) 

Deutlich machen kann man die Bedeutung von Lesestrategien an dieser Stelle mit konkreten Beispiellisten. Hierbei handelt es sich teilweise um Basisstrategien, Vorübungen und heranführende Techniken. Intensiv zu übende Vorläuferkompetenzen zur effektiven Arbeit mit Lesestrategien sind

  • das rasche Nachschlagen in Lexika,
  • die schnelle Begriffsrecherche im Internet,
  • die produktive und konfliktfreie Kooperation mit dem Banknachbarn,
  • die Kenntnis von Mindmap-Strukturen und
  • das Erkennen von wesentlichen Schlüsselbegriffen in Texten.

Rosebrock & Nix (2008, S. 65f.) machen konkrete Vorschläge und bieten eine Differenzierung in verschiedene Arten von Lesestrategien an. Im Folgenden wird diese Struktur teilweise verändert und für die Projektziele in „wir-foerdern-lesen.de“ ergänzt dargestellt.

A) Ordnende Lesestrategien

Leseziel: Den Text strukturieren und auf seine wesentlichen Kernaussagen reduzieren

  • Schlüsselwörter erkennen, begründen und markieren
  • Unbekannte Begriffe markieren und in Lexika/im Internet recherchieren
  • Zwischenüberschriften zu Absätzen formulieren
  • Kernaussage eines Textabschnittes in einem Satz zusammenfassen
  • Einen zentralen Satz pro Abschnitt herausschreiben
  • Die wichtigsten Stichwörter eines Textabschnittes zusammenstellen
  • Lehrerfragen zum Text beantworten
  • Multiple-Choice-Fragen beantworten
  • Eigene Fragen zum Verständnis für die Mitschüler formulieren
  • Schlüsselbegriffe konzeptgeleitet miteinander am Rand des Textes verbinden
  • Den Argumentationsgang (den ‚roten Faden’) des Textabschnittes herausarbeiten
  • Stichwortlisten zum Nacherzählen / zum Zusammenfassen des Textes erstellen
  • Stellen im Text markieren, an denen das Thema/die Argumentation wechselt
  • Eine ‚Mindmap’ zum Text erstellen, in der die Haupt- und Unterideen identifiziert und in eine graphische Ordnung gebracht werden
  • Eine Zusammenfassung in sieben Sätzen schreiben

B) Inhalte verknüpfende Lesestrategien

Leseziel: Über die unmittelbare Textebene bewusst ‚hinausgehen’ (elaborieren’), um den Textinhalt gezielt mit Vorwissen, Gefühlen, Meinungen, inneren Bildern usw. der Leser(innen) in Beziehung zu setzen.

  • Erwartungsfragen an den Text selbst formulieren und nach der Lektüre beantworten.
  • Textstellen oder Textabläufe visualisieren
  • Eigene Erfahrungen bzw. eigenes Wissen zur Thematik am Textrand mitnotieren
  • Absätze in eigenen Worten reformulieren
  • Eine eigene Meinung zu Textstellen formulieren
  • Den aktuellen Text mit anderen Texten in Beziehung setzen und vergleichen
  • Texte im Partnergespräch/in der Kleingruppe klären, Brainstorming oder Blitzlichtrunden durchführen

 

C) Wiederholende und vertiefende Lesestrategien(für gute und schwache Leser(innen))

Leseziel: Eine erneute intensivierte Textauseinandersetzung einleiten, um die Verstehens- und Behaltensleistungen zu vertiefen.

  • Schwierige Textstellen wiederholt und verlangsamt lesen und im Text einen Satz/einen Absatz  vor und zurück springen (um den Kontext besser zu erkennen)
  • Sich selbst Fragen stellen wie zum Beispiel: Welchen Aspekt habe ich verstanden, welchen nicht? Was hat mir gefallen? Was lehne ich ab und weshalb? Welche Textstellen sind klar und welche muss ich noch mehr durcharbeiten?
  • Bestimmte Textstellen wiederholt sich oder dem Nachbarn laut vorlesen. Gerade bei schwächeren Lesern kann die phonologische Rekodierung dazu beitragen, die Intention der Textpassage besser zu verstehen.
  • Problematische Passagen abschreiben bzw. gezielte Notizen zum Wortlaut des Textes anfertigen
  • Eine PPP erstellen für einen Vortrag in der Nachbarklasse

 

Dieser kurze Überblick mag hier zur Einführung genügen (differenzierteres in Kapitel 3).

 

Wie würde eine idealtypische Schule didaktisch mit dem Konstrukt „Lesestrategien“ umgehen? Es werden fünf zentrale Schritte beschrieben:

 

Die folgenden fünf Schritte zeigen einen möglichen Weg, den eine (idealtypische) Leseschule zur Thematik „Lesestrategien“ gehen könnte.

 

 

 

1. Schritt: Eine Leseschule führt Lesestrategien gezielt und mit viel Übungszeit ein.

Lesestrategien bedürfen einer intensiven erklärenden Einführung und einer vielfachen Übung. Schwächere Leser(innen) müssen 100 Mal Schlüsselwörter identifiziert haben, bevor sie zu verstehen beginnen, was damit in der ganzen Komplexität von Textzusammenhängen gemeint sein kann. Wer nicht 50 Mal einen Text zusammengefasst und einer Gruppe die Zusammenfassung an Hand von sieben Stichpunkten vorgetragen hat, wird bei dieser Aufgabenstellung nicht sicher werden. Es geht hier nicht um ein Abhaken von einzelnen Lehrplanpunkten, es geht um die Herausbildung von Kernkompetenzen beim Textverstehen.

 

2. Schritt: Eine Leseschule arbeitet mit verschiedenen Lesestrategieniveaus

Rosebrock & Nix (2008, S. 65f.) haben die Lesestrategien in drei Niveaus eingeteilt: a) ordnende Lesestrategien, b) inhaltsverknüpfende Lesestrategien und c) wiederholende und vertiefende Lesestrategien. Eine Leseschule differenziert mit Hilfe dieser Niveaus und bietet schwachen wie starken Leser(innen) jene Strategien an, die ihnen helfen, Texte auf ihrem aktuellen Leistungsvermögen besser zu verstehen.

 

 

3. Schritt: Eine Leseschule einigt sich auf einen Fundus von gemeinsam in allen Klassen angewendeten Lesestrategien

Eine Leseschule arbeitet konzeptionell. Die Jahrgangsstufen einigen sich auf eine bestimmte Anzahl von Lesestrategien, die klassenübergreifend und jahrgangsstufenübergreifend gemeinsam eingeführt und geübt werden. Der Fundus wird von allen betroffenen Lehrkräften gemeinsam entwickelt und verantwortlich umgesetzt.

 

4. Schritt: Eine Leseschule trainiert Lesestrategien und Textverständnis jeden Tag

Eine Leseschule ist sich bewusst, dass sie Lesekompetenzen, Lesefähigkeiten auf möglichst hohem Niveau entwickeln will. Dazu ist sie bereit, die nötige Übungs- und Lesezeit einzuplanen. Sie weiß, dass das meiste andere schulische Lernen von einer gut entwickelten Lesekompetenz abhängt. Eine Leseschule hat viele fachliche Gründe, weshalb sie drei bis fünf Unterrichtsstunden in der Woche speziell für die Entwicklung einer hohen Lesekompetenz einplant.

 

5. Schritt: Eine Leseschule arbeitet in allen Fächern mit Lesestrategietrainings

Eine Leseschule weiß, dass in allen Fächern Texte die wesentliche Grundlage für das Lernen und Verstehen sind. Deshalb fördert eine Leseschule in allen Fächern – domänenspezifisch – die Lesekompetenz durch Lesestrategietrainings. Eine Leseschule verfügt über spezifische Textverständnisstrategien und fachgerechte Strategietrainings für jedes Fach. Leseförderung macht in Mathematik, in Physik, in Chemie wie im Fach Kunst Sinn. Wer nicht in allen Fächern Leseförderung plant und durchführt, lässt die untere Leistungshälfte der Schülerschaft mit ihren Verstehensproblemen weitgehend alleine.

 

In Kapitel drei finden Sie zusätzliche Lesestrategieprogramme, die zu den oben dargestellten Strategielisten in sich geschlossene Trainingsvorschläge machen.

 
 

4. UE – Psychologische & Pädagogische Aspekte des Lesens

Zum Lesen zwingen kann man nicht. Jeder Mensch, jedes Kind entscheidet für sich, ob es einen Text liest und versucht, diesen auch zu verstehen. Diese Bereitschaft zu lesen, die Motive bestimmte Inhalte zu lesen, der Wille, sich bei schwierigen Texten auch anzustrengen u.a.m. sind psychologische, manchmal pädagogische Aspekte des Lesens, um die man sich als Lehrende kümmern muss. Insbesondere bei Schülern im unteren Leistungsdrittel werden diese Aspekte des Lesens auch aus diagnostischer und didaktischer Sicht wichtig. Denn Kinder, die kumulativ emotional negative Leseerfahrungen in ihrem Leben gemacht haben, lesen wenig, lesen ungerne und verstehen auch leichte Texte kaum. Die Ursachen hierfür liegen oft im emotionalen Bereich und müssen von dieser Seite her verstanden und aufgelöst werden (z.B. durch ein kumulatives Angebot an emotional positiv besetzten Lesesituationen und -herausforderungen).

Es gibt fünf psychologisch-pädagogische Aspekte des Lesens, die in der alltäglichen Leseförderung eine zentrale Bedeutung haben:

  1. Das Leseselbstkonzept (Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit)
  2. Die Lesemotivation (Leselust, Leseinteresse,  Leseflow)
  3. Die Lesevolition (Lese-Anstrengungsbereitschaft)
  4. Das metakognitives Lesewissen (das Wissen über den eigenen Umgang mit den das Verstehen unterstützenden Lesestrategien)
  5. Das Leseverhalten (geschlechtsspezifisch und in der peer-group)

 

 

Im Folgenden soll nun in drei Schritten erläutert werden, wie eine (idealtypische) Leseschule die pädagogisch-psychologischen Aspekte des Lesens in die alltägliche Förderarbeit einbezieht:

  1. Schritt:  Weiterbildung  für alle Beteiligten (Gewinnung eines Überblicks)
    Eine (idealtypische) Leseschule bildet sich in den zentralen Inhalten der psychologisch-pädagogischen Aspekte des Lesens weiter. Für alle am Leseprojekt Beteiligten wird ein
    Überblickswissen bereitgestellt. Für die einzelnen Aspekte sucht die idealtypische Leseschule interne Expertentandems, die sich fachlich intensiver einarbeiten.
  1. Schritt: Umsetzung des fachlichen Wissens in konkrete Förderarbeit
    Eine Leseschule sucht Wege, die theoretischen Grundlagen in konkrete Förderkonzeptionen umzusetzen. Folgende Bereiche sind wichtig für eine erfolgreiche Förderung:
    a) Stärkung von positiven Leseselbstkonzepten,
    b) didaktische Ideen zur Steigerung der Lesemotivation,
    c) Strategien zur Entwicklung von Leseanstrengungsbereitschaften,
    d) Heranführen der Schüler zur Selbstreflexion des eigenen Leseverhaltens
    e) besondere Unterstützung der Risikoschüler (Leser mit negativem Selbstkonzept)
    f) anspruchsvolle Lernwege öffnen für Superleser
    g) Auswahl passender Fördermaterialien
    h) kreative Lösungen für praktikable Differenzierungsstrukturen (Liftkurse, Förderschiene,
    offene Lernformen, …)
  1. Schritt: Eine Leseschule arbeitet in Teams (auch zur Absicherung des Erfolgs)
    Teams arbeiten effektiver als Einzelpersonen. Teams gleichen Schwächen einzelner Personen aus und Teams verarbeiten Informationen zielgerichteter und zuverlässiger. Eine Leseschule etabliert an folgenden Stellen dauerhafte Teamstrukturen:
    - in den Jahrgangsstufen mit Jahrgangsstufenteams
    - auf Schulebene mit der Steuergruppe
    - auf der Ebene von Spezialthemen mit Expertentandems
Die psychologisch-pädagogischen Aspekte des Lesens sind wichtige lerntheoretische Grundlagen für eine erfolgreiche Leseförderung. Es dauert seine Zeit, bis diese Grundlagen in wesentliche Teile des Kollegiums weitervermittelt werden können. Gelingt dies jedoch, dann wird die Leseförderung nachhaltig erfolgreich.

 


5. UE – Risikoschüler & Superleser    

In jeder Schule gibt es schwache und sehr schwache Leserinnen und Leser. Sie bedürfen der besonderen Unterstützung durch die Schule. Die Chance für schwache Schüler in der Schule irgendwann Erfolg zu haben, hängt eng mit dem Erwerb von Lesekompetenz zusammen. Der begriff Risikoschüler stammt aus der PISA-Debatte und meint jene Schüler, die durch mangelnde Lesekompetenz im späteren Leben das Risiko eingehen, beruflich, kulturell und politisch im Leben nicht die jeweiligen Mindeststandards erfüllen zu können. Risikoschüler haben eine wenig gelungene Lesesozialisation hinter sich, die viel mit emotional negativen Leseerfahrungen zu tun hat. Ein Teil dieser Schüler kann innerhalb der Klasse nicht ausreichend gefördert werden. Für diese Gruppe müssen Liftkurse mit 3-5 Förderstunden pro Woche eingerichtet werden. Manchmal müssen diese Schüler zwei bis drei Jahre durchgehend individuell in Gruppen mit maximal sieben Kindern gefördert werden, bis sie eine akzeptable Lesekompetenz erworben haben. Dann jedoch haben sie Chancen auf einen Schulabschluss und einen (‚einfachen’) Ausbildungsberuf. Eine idealtypische Leseschule investiert Lehrerstunden, Weiterbildungskapazitäten und Lehrerengagement in die Gruppe der Risikoschüler.

Neben der Gruppe der Risikoschüler bedarf die Gruppe der ‚Superleser’, der überdurchschnittlich kompetenten Leserinnen und Leser, einer differenzierten Förderung. Diese Schüler müssen Leseherausforderungen vorfinden und mit Aufgabenstellungen konfrontiert werden, die ihnen gemäß sind (z. B. selber Prosatexte oder Bücher schreiben, Theaterstücke konzipieren und aufführen, oder informative Texte für den Sachunterricht schreiben). In Maßen können diese Schüler auch für spezielle Förderviertelstunden mit leseschwachen Schülern eingesetzt werden.

 

Eine idealtypische Leseschule kümmert sich in vier Schritten um ihre Risikoschüler und Superleser:

 

  1. Bündelung des vorhandenen Wissens und Organisation von Weiterbildung zur Förderung von Risikoschülern
    Schwache und sehr schwache Leserinnen und Leser zu fördern ist eine ganz besondere Herausforderung. Neben der Berücksichtigung der emotionalen und psychologischen Hintergründe müssen auch besondere didaktisch-methodischen Wege beschritten werden, will man Erfolg haben. Zudem ist die gesamte Diagnostik sehr anspruchsvoll. Für all dies ist das vorhandene Wissen und Können zu bündeln und neue Kenntnisse im betroffenen Lehrerkreis zu verankern. Förderlehrkräfte in Risikoschülergruppen brauchen auch den Austausch mit anderen. Die z.T. sonderpädagogischen Problemstellungen können besser in einem Rahmen von Weiterbildung, Expertenaustausch und Netzwerkarbeit gelöst werden.

  2. Schritt: Einrichtung von Liftkursen für Risikoschüler
    Risikoschüler brauchen eine intensive, eher individuelle Förderung. Dies kann i.d.R. nicht durch innere Differenzierung alleine bewerkstelligt werden. Man benötigt kleine Liftkurse (möglichst täglich) in der Größe von 5-7 Schülerinnen und Schülern, die langfristig von einem erfahrenen und engagierten Lehrertandem geleitet werden (gemeint sind zwei Lehrkräfte für zwei Kurse). Die Tandemkonstruktion sichert die Nachhaltigkeit der Qualität ab und die Wochenstundenzahl (3-5 Lehrerstunden) garantiert den Fördererfolg. Für Liftkurse dieser Qualität besuchen die Lehrkräfte auch gerne Fortbildungen und tauschen sich in Netzwerken aus.

  3. Schritt: Aufbau eines Pools an Fördermaterialien
    Risikoschüler brauchen besonderes Fördermaterial. Dieses muss von einem Expertentandem gesichtet und erprobt, sowie im Kollegium in seinem Gebrauch vermittelt werden. Diese Fördermaterialien sollten so archiviert sein, dass sie allen Lehrkräften zugänglich sind und strukturiert katalogisiert sind.

  4. Schritt: Spezielle Aufgaben für Superleser
    Eine Leseschule fördert ihre guten Leserinnen und Leser mit dem Ziel, sie zu einer herausragenden Lesekompetenz zu führen. Superleser können in entsprechenden Kursen oder in Strukturen offener Unterrichtsformen betreut werden. Die Gruppe der Superleser braucht keine kleinen Gruppengrößen. Im Zentrum steht hier die interessengeleitete Selbststeuerung.

6. Schulhausspezifische Lesekultur

Aktuelle Forschungsergebnisse zur Effizienz von Leseförderung legen den Schluss nahe, dass das Konstrukt „schulspezifische Lesekultur“ einen hohen positiven Einfluss auf die Lesekompetenzförderung besitzt. Eine schulspezifische Lesekultur setzt sich in unterschiedlicher Ausprägung aus vielen Faktoren zusammen. Zur Lesekultur einer Schule können gehören:

  1. leseförderliche pädagogische Einstellungen der Lehrenden (z.B. die Haltung, schwachen Lesern emotional positiv besetzte Leseumgebungen anzubieten, Inhaltspräferenzen der beiden Geschlechter Raum zu geben, Risikoschülern die nötige Zeit für Kompetenzerwerb zur Verfügung zu stellen),
  2. tägliche Konfrontation mit lustvollen und herausfordernden Texten als schulische Selbstverständlichkeit (z.B. durch freie Lesezeiten und durch klare Verstehensanforderungen bei anspruchsvollen Sachtexten)
  3. Angebot an schuleigenen und kommunalen Bibliotheken und deren häufige Nutzung,
  4. Vorbildwirkung der Lehrenden, die auch als Lesende und an bestimmtem Lesestoff interessierte Menschen von den Schülern wahrgenommen werden (z.B. durch Gespräche über Lieblingsbücher und Lieblingsthematiken),
  5. Einbindung von externen Kooperationspartnern in Form von Lesepaten, Sponsoren und Multiplikatoren,
  6. Wettbewerbe auf allen Niveaus, Preise, Urkunden und Anerkennungsrituale,
  7. Differenzierung und Individualisierung,
  8. breites Angebot an Klassenlektüren für alle Niveaus,
  9. Einführung des Prinzips „Ein Buch in den Ferien“,
  10. Kooperation mit den Klassenelternsprecherinnen, Einbeziehung des Elternbeirats, Fokussierung der Aktivitäten des Elternbeirats auf das Leseprojekt,
  11. Angebot an Lesungen, Lesenächten und Leseevents,
  12. Stetige Vermittlung der „Wichtigkeit“ von Lesen u.a.m.

Lesekultur bezeichnet das Gesamt an Leseaktivitäten und Leseangeboten an einer Schule. Lesen im Rahmen einer ganzheitliche Kultur ist kein besonderes Thema für die Schüler, sondern die alltägliche Begegnung mit Texten, Büchern und Leseanlässen, denen man sich auch in den eher anstrengenden Leseanlässen wie selbstverständlich aussetzt und sie zu bewältigen sucht. Wie kann ein Weg aussehen, der zu einer für die Schüler wirkungsvollen Lesekultur führt? Zehn Schritte:

  1. Schritt: Das gesamte Kollegium unterstützt den Weg zur Leseschule.
  2. Schritt: In der Steuergruppe arbeiten Elternvertreterinnen mit.
  3. Schritt: Alle am Projekt beteiligten Personen bilden sich in Sachen Leseförderung weiter.
  4. Schritt: Die Interessen der Schüler bestimmen überwiegend die Lektüreauswahl.
  5. Schritt: Schüler bekommen Zeit und Räume für Buchvorstellungen und gemeinsames Lesen von „In-Büchern“ in der peer-group.
  6. Schritt: Die Schule baut die schuleigene Bibliothek massiv aus und sorgt für leserfreundliche Nutzungszeiten.
  7. Schritt: Die Schule kümmert sich intensiv um die Risikoschüler und Superleser.
  8. Schritt: Das Prinzip „Ein Buch in den Ferien“ wird als festes Ritual der Leseschule eingeführt. Hier tritt die Leseschule gegenüber Schülern und Elternhaus „fordernd“ auf.
  9. Schritt: Für Spezialprobleme initiiert die Schule Expertenteams, die entsprechende Fortbildungen besuchen und die Erkenntnisse weitergeben.
  10. Schritt: Jedes Jahr gibt eine Projektwoche „Lesen“, in der sich alles ums Lesen dreht. Zum Beispiel mit folgenden Projekttiteln:
    • Lesen Tag und Nacht
    • Lesen & Vorlesen – Amateure & Profis
    • Lesen mit Eltern und Lehrern
    • Lesen was Spaß macht – eine Woche lang
    • 100 Bücher lesen – in einer Woche – als Klasse in der Schule & zu Hause
    • Lesewettbewerbe – wie es uns gefällt
    • Schüler lesen vor – im Kindergarten, im Altenheim und im Krankenhaus

Lesekultur wächst an einer Schule Schritt für Schritt heran. Und jede Schule hat schon zu Beginn des Leseprojekts eine eigene Lesekultur – meist jedoch unverbunden und wenig beachtet. Ab einem bestimmten Zeitpunkt spürt die Schule, dass sie die Schwelle zur „Lesekulturschule“ überschritten hat. Ab da geht vieles leichter, weil jede positive Kultur eigene Kräfte entwickelt und kreative Ideen produziert.

Eine Lesekulturschule strahlt positiv nach außen. Die Eltern nehmen wahr, dass sich die Schule ihrer Kinder um das Lesen jeden Tag besonders kümmert. Sie gehen auf die Leseelternabende, schenken zu Feiertagen nun stets auch Bücher und lesen mehr vor, weil die Klassenlehrerin ihnen das oft ans Herz gelegt hat. Die leseschwachen Schüler bemerken, dass ihnen wirklich geholfen wird, dass sie Schritt für Schritt besser werden, weil sie täglich in einer kleinen Gruppe üben können. Die Superleser erleben, dass ihre Fähigkeiten gewürdigt werden und sie frei eigene Texte und Bücher schreiben können. Und die Kommune registriert, dass sich ihre Schule weiterbildet, eine respektable Schulbibliothek aufgebaut hat und Kooperationspartner kreativ einbindet. Wenn über die Leseschule gesprochen, schwingt mit: Die kümmern sich! Das ist eine gute Schule.

 


7. Evaluation & standardisierte Lesetests 

Eine Leseschule zu werden ist ein eher komplexer Prozess. Es sind viele Menschen beteiligt, man muss viele Absprachen treffen, bei der Umsetzung passieren manchmal Fehler und es ist nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Für solch umfangreiche Projekte benötigt man in regelmäßigen Abständen Reflexionsphasen. In diesen Phasen lässt man die vergangene Projektzeiträume Revue passieren und diskutiert mit allen Betroffenen die positiven und problematischen Entwicklungen.

  1. Die Evaluation des Projekts an sich
    Für das Projekt an sich, die Kooperationen, die Arbeit der Expertentandems, die Wirkungen der Steuergruppe und die Tätigkeiten der Schulleitung sollte einmal zum Ende des Schuljahres eine (kleine) schriftliche Evaluation oder ein Feedback-Gespräch angesetzt werden.

    Wie wird die Steuergruppe im Kollegium gesehen. Welche Rückmeldungen kommen von der Elternschaft. Wie gelingt die Weitergabe von Expertenwissen an das Kollegium? Welche organisatorischen Probleme ergeben sich im Alltag. Wie kommt das Fördermaterial bei den Klassenlehrkräften an? Hierfür finden Sie im Baustein 7 des Leseportals „wir-foerdern-lesen.de“ einige Anregungen und Vorlagen.

  2. Die Evaluation der Leseförderung durch standardisierte Lesetests
    Zu Beginn des zweijährigen Leseprojekts macht es Sinn den Ist-Stand der Lesekompetenz bei den Schülerinnen und Schülern zu eruieren. Nur wenn man die Ausgangssituation kennt, kann man später messen, inwieweit die Schüler wirklich besser geworden sind. Hierfür verwendet man standardisierte Lesetests. Sie sind so konstruiert, dass sie den normalen, allein durch den normalen Unterrichtsbesuch an sich entstehenden Lesekompetenzzuwachs isolieren und den durch die spezielle Leseförderung entstandenen Kompetenzzuwachs abbilden können. Dies geschieht mit Normwerttabellen, die auf bestimmte Schulbesuchszeiten geeicht sind. Am Ende des Schuljahres wird ein zweiter Test durchgeführt und die Ergebnisse mit dem ersten Test verglichen. Damit kann man erkennen, welche Veränderungen durch ein Jahr Leseförderung bewirkt werden konnten. Am Ende des zweiten Schuljahres wird ein Abschlusstest durchgeführt, der Aufschluss gibt, welchen Stand die beteiligten Klassen nach zwei Jahren Leseförderung erreicht haben.

Mit den Lesetests kann man die geleistete Arbeit nach innen und außen dokumentieren. Eine (idealtypische) Leseschule geht in Sachen Evaluation im ersten Projektjahr folgende Schritte:

September: Durchführung eines Lesetests in allen beteiligten Klassen
Oktober: Mit den Lesetestergebnisse und den Lehrereinschätzungen die Schüler nach
Kompetenzstufen einteilen
Oktober: Einführung der Förderschiene und differenzierte Leseförderung beginnen
Februar: Kurzevaluation/Feedback zur Arbeit der Steuergruppe
Februar: Auf Lehrerkonferenz Feedback zur Steuergruppenarbeit diskutieren und
evtl. Veränderungen entwickeln
Februar: Feedbackrunde auf Lehrerkonferenz zur bisherigen Leseförderung – Fördermaterial, Methoden, Differenzierungsmaßnahmen und Kooperation auf den Prüfstand stellen
Juni: Zweiten Lesetest durchführen, auswerten und reflektieren
Juni; Gesamtfeedback zur Leseförderungen, Steuergruppenarbeit und Kooperation in der Lehrerkonferenz auf den Weg bringen, reflektieren und wo nötig Veränderungen planen

        

Evaluation im obigen Sinne bedeutet, dass man alle Beteiligten in die anstehenden Entscheidungsprozesse einbezieht und alle mit der Leseförderung gemachten Erfahrungen ernst nimmt.

 

Der Einsatz von standardisierten Lesetests ermöglicht eine gewisse Objektivierung der Förderarbeit. Man sollte mit den Testergebnissen (zumindest in Bezug auf die gesamte Schulpopulation) völlig offen und transparent umgehen. Dies bedeutet, dass die Ergebnisse offen der Elternschaft mitgeteilt werden und auch in den Klassen besprochen werden sollten. Die Schüler haben erfahrungsgemäß ein großes Interesse daran, über ihre eigene Leseentwicklung Bescheid zu wissen. Offenheit und Transparenz auch bei nicht so guten Testergebnissen führen dazu, dass die Eltern die selbstkritische Haltung der Schule honorieren und das Kollegium die Chance erhält, Korrekturen vorzunehmen. Bei den meisten Schulen jedoch waren bisher die Testergebnisse in den Netzwerken „wir-foerdern-lesen“ gut bis sehr gut. Engagement lohnt sich immer.

 


 

8. Schaubild (Überblick zu den sieben Bausteinen des Projekts)

(Klicken Sie zum Vergrößern auf die Grafik)

Schaubild