Kompetenzstufen

2. IGLU – 5 Kompetenzstufen

Es erfolgt nun die genaue Definition der fünf Kompetenzstufen, die in IGLU 2006 Anwendung gefunden haben. Schulen, die kompetenzstufenorientiert arbeiten wollen, sollten diese Definitionen genau verstehen und unterscheiden können. Dann wird eine eher individualisierte Förderung leichter und zielgenauer.

 

Kompetenzstufe I

Dekodieren von Wörtern und Sätzen

Hier sind die Kinder in der Lage, Wörter und Sätze zu dekodieren, und sie können diese in der Regel auch vorlesen. In Deutschland können dies am Ende der vierten Jahrgangsstufe in der Regel alle Kinder an Grundschulen. Im Übergangsbereich zu Kompetenzstufe II gelingt es hier auch gelegentlich, ganz konkrete Informationen in leicht auffindbaren Satzteilen zu lokaliseren, besonders wenn die Formulierung der Aufgabe mit der Formulierung der gesuchten Information identisch ist.

 

Zur Kompetenzstufe I gibt es keine Beispielaufgaben, da IGLU nur ab Kompetenzstufe II Fähigkeiten abprüft. Trotzdem lassen sich im Schulalltag auch einfachste Aufgaben auf der Ebene der Stufe I formulieren. Wesentlich ist hierbei jedoch, dass die Sinnzusammenhänge sehr einfach sind und sich die Fragestellung in sehr ähnlicher oder gleicher Form in der Antwort widerspiegelt. Man kann auch sagen, dass es Fragestellungen gibt, die sich zwischen den Kompetenzstufen ansiedeln lassen. Einfachste Fragen auf der Stufe I wären zum Beispiel:

  • Wie lautet die Überschrift?
  • Welchen Namen hat das Mädchen in der Geschichte?
  • Wie alt war das Mädchen?
  • Welches Tier machte dem Mädchen Angst?

Kompetenzstufe II

Explizit angegebene Einzelinformationen in Texten identifizieren

Betrachtet man die Leistungen auf dieser Kompetenzstufe, so zeigt sich, dass diese Schülerinnen und Schüler über die Fähigkeiten der Kompetenzstufe I hinaus über grundlegende Lesekompetenzen verfügen. Sie können einen Text in der altersangemessenen Sprache und Schwierigkeit lesen und verstehen. Sie können explizit angegebene Details im Text finden und wiedergeben, insbesondere, wenn diese am Anfang des Textes oder an einer anderen exponierten Stelle stehen und der Text keine konkurrierenden Informationen enthält. Die Formulierung der Aufgabenstellung ist in der Regel nahezu identisch mit der Formulierung der gesuchten Information. Auf dieser Stufe gibt es bei den beiden Textsorten (literarische und informierende Texte) keine unterschiedliche Ausprägung der Fähigkeiten.

Beispielitem Stufe II aus dem literarischen Text „Unglaubliche Nacht“:

7. Wie ging die Zimmertür kaputt?

  • Das Krokodil schlug mit dem Schwanz hindurch.
  • Die große Vase krachte dagegen.
  • Der Flamingo hackte mit seinem spitzen Schnabel hinein.
  • Das Bett knallte dagegen.

Um diese Aufgabe zu lösen, müssen Kinder im Gesamttext die relevante Textstelle finden („Plötzlich hörte man ein leises Krachen, und die Schwanzspitze des Krokodils schob sich durch die zersplitterte Tür“.) Die geforderte Antwort ist leicht aus der Formulierung zu erschließen. International geben 77 Prozent der Schülerinnen und Schüler eine richtige Antwort.

 

Kompetenzstufe III

Relevante Einzelheiten und Informationen im Text auffinden
und miteinander in Beziehung setzen

Schülerinnen und Schüler auf der Kompetenzstufe III verfügen mit hoher Wahrscheinlichkeit über die Fähigkeiten der beiden unteren Kompetenzstufen. Darüber hinaus sind sie in der Lage, insbesondere bei literarischen Texten, die Handlungen und den textübergreifenden Gesamtzusammenhang des Textes zu verstehen. Sie können einfache Schlussfolgerungen ziehen sowie Verbindungen zwischen zwei oder mehreren Informationen herstellen, auch wenn diese dazu aus verschiedenen Textteilen zusammengeführt werden müssen. Sie können Schlussfolgerungen bezüglich der Eigenschaften, Gefühle und Motivationen der Hauptfiguren ziehen. Bei den Informationstexten nutzen sie die strukturgebenden Elemente (Überschriften, Illustrationen, usw.), um Informationen aufzufinden, die auch in der Mitte oder am Ende des Textes stehen. Sie können bei der Beantwortung einer Frage zwei Informationen angeben und diese, wenn es z.B. um Ähnlichkeiten geht, miteinander in Beziehung setzen. Die Fragen in den Aufgaben sind immer noch häufig identisch mit der Formulierung der gesuchten Information.

Beispielitem Stufe III aus dem literarischen Text „Unglaubliche Nacht“:


Bringe die folgenden Sätze in die richtige Reihenfolge (so, wie sie in der Geschichte passiert sind)
.

Der erste Satz ist schon nummeriert.

___   Anina sah das Krokodil.

___   Das Krokodil fraß zwei Flamingos.

____ Anina versuchte ihren Eltern zu erklären, warum ihre Tür kaputt ist.

__1_ Anina ging zum Badezimmer.

____ Anina rannte in ihr Zimmer und knallte die Tür zu.

Zur Beantwortung dieser Frage müssen die Schülerinnen und Schüler den Ablauf der Handlung im großen Bogen vor Augen haben. Gegebenenfalls müssen sie die vorgegebenen Sätze zur Rekonstruktion der Reihenfolge noch einmal im Text wiederfinden. 66 Prozent der Schüler können international diese Ereignisse in die richtige Reihenfolge bringen.

 

Kompetenzstufe IV           

Zentrale Handlungsabläufe auffinden
und die Hauptgedanken des Textes erfassen und erläutern

Bei Kindern, die diese Stufe erreichen, handelt es sich um kompetente Leserinnen und Leser, die mit hoher Wahrscheinlichkeit die Fähigkeiten der unteren drei Kompetenzstufen beherrschen. Sie können darüber hinaus wichtige, an unterschiedlichen Stellen im Text enthaltene Details erkennen und wiedergeben, auch wenn der Text konkurrierende Informationen enthält. Sie können Verknüpfungen herstellen und Schlüsse ziehen sowie einzelne Textbelege für ihre Schlussfolgerungen anführen. Sie identifizieren besondere Textmerkmale und –elemente und sind in der Lage, strukturelle Textelemente zu nutzen, um sich zu orientieren. Schülerinnen und Schüler dieser Leistungsstufe erkennen den grundlegenden Gedanken oder Sinn eines Textes. Es gelingt ihnen Gedanken und Informationen über den gesamten Text hinweg zu verfolgen, einzuordnen und zu interpretieren.

Beispielitem aus dem literarischen Text „Unglaubliche Nacht“:

4. Warum glaubte Anina, das Krokodil würde sie angreifen?

  • Es zeigte seine langen Zahnreihen.
  • Es zischte laut.
  • Es fing an zu grunzen und zu schnaufen.
  • Es bewegte den Schwanz hin und her.

Im Text werden verschiedene Merkmale bzw. Verhaltensweisen des Krokodils geschildert, die auf ein feindseliges Verhalten schließen lassen. Wichtig ist aber auch die Detailinformation, dass Anina aufgrund ihrer Lektüre weiß, dass Schwanzbewegungen von Krokodilen ein Zeichen für Kampf und Angriff sind. Das Lösen dieser Aufgabe erfordert also ein sorgfältiges Lesen verschiedener Textpassagen und Abwägen zwischen mehreren plausiblen Erklärungen, wobei ein relevantes Detail zu berücksichtigen ist. Diese Aufgabe wird international von 55 Prozent der Schülerinnen und Schüler richtig gelöst.

 

Kompetenzstufe V

Abstrahieren, Verallgemeinern und Präferenzen begründen

Schülerinnen und Schüler der höchsten Kompetenzstufen beherrschen mit hoher Wahrscheinlichkeit alle Fähigkeiten der darunter liegenden Stufen. Sie verstehen darüber hinaus auch Informationen oder Beziehungen auf abstrakter Ebene, können Informationen des Textes verallgemeinern oder zu eigenen Erfahrungen und ihrem Vorwissen in Beziehung setzen. Die Lesenden können den tieferen Sinn und Gehalt von Textaussagen interpretieren und sie zeigen, dass sie die Funktion von strukturellen Textelementen verstehen. Sie können Handlungspräferenzen oder Entscheidungen begründen.

Beispielitem aus dem literarischen Text „Unglaubliche Nacht“:

11. An dem, was Anina tat, merkt man, was für ein Mensch sie war. Beschreibe, wie Anina war, und nenne zwei Beispiele für ihre Handlungen, die dies deutlich machen. (3 Pkt.)

Um diese Aufgabe zu lösen, muss das Kind zunächst verstehen, dass mit den Aussagen „was für ein Mensch sie war“ und „wie Anina war“ typische Persönlichkeitsmerkmale von Anina gemeint sind. Dann ist es erforderlich, solche Merkmale, die nicht wörtlich im Text sind, aus dem Gesamtzusammenhang des Textes abzuleiten und schließlich durch Beispiele von Aninas Verhalten zu belegen. Die Beispielaufgabe verdeutlicht, dass Schülerinnen und Schüler auf der höchsten Kompetenzstufe Fähigkeiten besitzen, Details eines anspruchsvollen Texts zu verstehen, zu verknüpfen und zu interpretieren. Hier erreichen in allen teilnehmenden Staaten 18 Prozent der Schülerinnen und Schüler die volle Punktzahl.

 

Bei IGLU 2006  wurden fünf literarische und fünf informierende Lesetexte eingesetzt. Jedes Kind bearbeitete zwei Lesetexte. Einen literarischen Text können Sie folgend einsehen und damit die Beispielitems unter den einzelnen Kompetenzstufen besser nachvollziehen.