Kompetenzstufen

3. Beispiel für einen literarischen Text (IGLU 2006)

Bei der Beschreibung der Kompetenzstufen (ab Stufe II) finden Sie inter 1.4.2 jeweils Beispielitems. Diese Fragestellungen bzw. Aufgaben beziehen sich auf den folgenden literarischen Text. Lesen Sie den Text in Ruhe durch und beantworten Sie dann die Beispielitems. So bekommen Sie einen direkten Eindruck, welche mentalen Leistungen – hierarchisch gegliedert – in IGLU 2006 gefordert sind. Achten Sie darauf, welche Fragen bzw. Aufgaben sie mit oder ohne Nachlesen zuverlässig beantworten konnten. Nehmen Sie wahr, wann Sie zusätzliches „Weltwissen oder Kontextwissen“ nutzen mussten und wann Sie nur die im Text explizit formulierten Informationen benötigten.

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Eine unglaubliche Nacht 

von Franz Hohler

 

Anina war zehn Jahre alt, also konnte sie sogar im Halbschlaf den Weg von ihrem Zimmer zum Badezimmer finden. Ihre Zimmertür stand normalerweise einen Spalt offen, und das Nachtlicht im Flur war so hell, dass sie am Telefontisch vorbei zum Badezimmer gelangen konnte.

Eines Nachts, als sie auf dem Weg zum Badezimmer am Telefontisch vorbeiging, hörte Anina so etwas wie ein leises Zischen. Doch da sie noch halb schlief, achtete sie nicht weiter darauf. Es kam sowieso aus einiger Entfernung. Erst, als sie wieder auf dem Rückweg in ihr Zimmer war, sah sie, woher das Geräusch kam. Unter dem Telefontisch lag ein Stapel alter Zeitungen und Zeitschriften, und dieser Stapel fing jetzt an, sich zu bewegen. Von dort kam auch das Geräusch. Plötzlich begann der Stapel zu kippen – nach rechts, nach links, nach vorne und nach hinten – und überall auf dem Boden lagen Zeitungen und Zeitschriften. Anina wollte ihren Augen nicht trauen, als sie ein grunzendes, schnaufendes Krokodil unter dem Telefontisch hervorkriechen sah.

Anina stand wie angewurzelt da. Mit großen Augen beobachtete sie, wie das Krokodil ganz zwischen den Zeitungen hervorkroch und sich langsam in der Wohnung umsah. Es schien gerade aus dem Wasser gekommen zu sein, denn es war am ganzen Körper tropfnass. Wo immer es hintrat, wurde der Teppich ganz nass. Das Krokodil bewegte den Kopf vor und zurück und gab ein lautes Zischen von sich. Anina sah das Maul des Krokodils mit seinen schrecklich langen Zahnreihen an und schluckte.

Es bewegte den Schwanz langsam hin und her. Anina hatte im „Tiermagazin“ über Krokodile gelesen – wie sie mit dem Schwanz ins Wasser schlagen, wenn sie Feinde vertreiben oder angreifen wollen.

Ihr Blick fiel auf die letzte Ausgabe des „Tiermagazins“, das vom Stapel gefallen war und zu ihren Füßen lag. Wieder erschrak sie. Auf dem Titelblatt der Zeitschrift war ein großes Krokodil an einem Flussufer abgebildet gewesen. Doch jetzt war das Flussufer leer!

Anina bückte sich und hob die Zeitschrift auf. In diesem Moment schlug das Krokodil so heftig mit dem Schwanz, dass es die große Vase mit den Sonnenblumen zertrümmerte, die auf dem Boden stand. Die Sonnenblumen flogen in alle Richtungen. Mit einem schnellen Sprung war Anina in ihrem Schlafzimmer. Sie knallte die Tür zu und schob ihr Bett vor die Tür. Sie hatte eine Barrikade gebaut, die sie vor dem Krokodil schützen würde. Erleichtert atmete sie aus.

Doch dann zögerte sie. Was wäre, wenn das Ungeheuer einfach nur Hunger hatte? Vielleicht musste sie dem Krokodil etwas zu fressen geben, damit es wegging?

Anina sah wieder zur Tierzeitschrift. Wenn das Krokodil einfach so aus dem Bild kriechen konnte, konnten andere Tiere das vielleicht auch. Hastig blätterte Anina die Zeitschrift durch und hielt bei einem Schwarm Flamingos in einem Sumpf im Dschungel inne. Genau richtig, dachte sie. Die sehen aus wie eine Geburtstagstorte für Krokodile.

Plötzlich hörte man ein lautes Krachen, und die Schwanzspitze des Krokodils schob sich durch die zersplitterte Tür.

Schnell hielt Anina das Bild von den Flamingos an das Loch in der Tür und rief, so laut sie konnte: „Raus aus dem Sumpf! Ksch! Ksch!“ Dann warf sie die Zeitschrift durch das Loch in den Flur, klatschte in die Hände, rief und stieß laute Schreie aus.

Sie konnte kaum glauben, was dann passierte. Plötzlich war der gesamte Flur voller kreischender Flamingos, die wild mit den Flügeln schlugen und auf ihren langen, dünnen Beinen durcheinander liefen. Anina sah einen Vogel mit einer Sonnenblume im Schnabel und einen anderen, der den Hut ihrer Mutter vom Haken nahm. Sie sah auch, wie ein Flamingo im Maul des Krokodils verschwand. Mit zwei schnellen Bissen verschlang es den Flamingo und holte sich dann gleich den nächsten, den mit der Sonnenblume im Schnabel.

Nach zwei Portionen Flamingo schien das Krokodil genug gefressen zu haben und legte sich zufrieden mitten im Flur hin. Als es die Augen geschlossen hatte und sich nicht mehr bewegte, öffnete Anina vorsichtig ihre Tür und schlich in den Flur. Sie legte das leere Titelblatt direkt vor die Nase des Krokodils. „Bitte“, flüsterte sie, „bitte geh zurück nach Hause.“ Sie stahl sich zurück ins Schlafzimmer und blickte durch das Loch in der Tür. Das Krokodil war wieder auf dem Titelblatt der Zeitschrift.

Dann ging sie vorsichtig ins Wohnzimmer, wo die Flamingos um das Sofa herum und auf dem Fernseher standen. Anina schlug die Zeitschrift auf der Seite mit dem leeren Bild auf. „Danke“, sagte sie, „vielen Dank. Ihr könnt jetzt zurück in euren Sumpf.“

Es war sehr schwierig, ihren Eltern am nächsten Morgen den großen nassen Fleck auf dem Boden und die kaputte Tür zu erklären. Die Geschichte mit dem Krokodil überzeugte sie nicht, obwohl der Hut ihrer Mutter wie vom Erdboden verschluckt war.

IEA: Progress in International Reading Literacy Study (PIRLS)