Lesekompetenz

2    Die Konzeption der Lesesozialisationsforschung (ganzheitlicher Ansatz)

Der PISA-Ansatz hat den Fokus auf die Qualität der Informationsentnahme gerichtet. Dies wird in der Fachdiskussion als eine notwendige aber keine hinreichende Sicht auf  das Gesamt der Merkmale von Lesekompetenzerwerb angesehen. Bettina Hurrelmann (2010, S. 24) beschreibt eine umfassendere Konzeption, die weitere wichtige Aspekte von Lesekompetenz ins Auge fasst: "Während sich also bei PISA der Lesebegriff auf die korrekte ‚Informationsaufnahme' aus Texten konzentriert, akzentuiert die Lesesozialisationsforschung stärker die aktive und konstruktive Leistung des Lesers. Sie hebt in ihrem Lesebegriff hervor, dass es sich beim Lesen um einen konstruktiven Akt der Bedeutungszuweisung zu einem Text handelt, der in einem

Handlungszusammenhang steht, so dass auf der Leserseite nicht nur Vorwissen und kognitive Fähigkeiten (samt Lesestrategien) gefragt sind, sondern auch motivationale-emotionale und kommunikativ-interaktive Bereitschaften und Fähigkeiten. Lesekompetenz ist damit definiert als Fähigkeit zum Textverstehen im Horizont einer kulturellen Praxis, zu der es gehört, dass sich

  • (1) kognitives Textverständnis,
  • (2) Motivation und emotionale Beteiligung und
  • (3) Reflexion und Anschlusskommunikation (mit anderen Lesern) ergänzen und durchdringen."

Diese Konzeption beinhaltet (wie bei reading literacy) auch die kognitiven Aspekte, ergänzt jedoch die emotionalen und kommunikativen Dimensionen. Eine weitere Dimension fehlt hier explizit noch: die volitionale, vom Willen her bestimmte Dimension. Sie sei hier mit ‚Anstrengungsbereitschaft' übersetzt. Im Verlauf des Schriftspracherwerbs und der Lesesozialisation gibt es für viele Kinder und Jugendliche immer wieder Phasen von Entwicklungs- und Verstehensschwierigkeiten. Diese bedingen oft mühsame Übungs- und Lernprozesse, die durchzustehen sind. Hier muss eine Leseförderkonzeption Trainingsangebote, geeignete Lektüren und Materialien sowie motivationale Abfederungsideen bereitstellen.

Verknüpfung der beiden Konzeptionen in der Umsetzung der Leseförderung
Die fachliche Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Ansätzen zum Lesekompetenzbegriff hat eine Bereicherung des Verständnisses von Lesekompetenz zur Folge. Deshalb wird bei "wir-fördern-lesen" ein integrativer Ansatz umgesetzt.
Im Folgenden sind 12 Elemente von Lesekompetenz aufgezählt, die in der Gesamtsicht eine hohe Lesequalität begründen.

Eine besondere Schwierigkeit besteht in der Erwachsenen-Vielleser-Perspektive!
Lehrerinnen und Lehrer beherrschen den extrem komplexen Verstehensprozess beim Lesen so hervorragend, dass sie kaum noch bemerken, was sie alles beim Lesen mental auf hohem Niveau leisten, um einen Text in der sachlichen und emotionalen Tiefe zu verstehen. Lesen ist für sie geistig nicht mehr anstrengend. Vieles hat ihr Gehirn perfekt automatisiert. Dies sind schwierige Voraussetzungen, um leseschwache Schüler zu verstehen und mit den passenden Förderideen zu begleiten!