Lesekompetenz

6 Sechs Förderdimensionen des Erwerbs von Lesekompetenz

- ein kognitionstheoretisches Modell des Lesens förderdidaktisch modelliert


Der Erwerb von Lesekompetenz gestaltet sich als ein sehr komplexer Prozess, der in den letzten 25 Jahren gut erforscht und umfangreich beschrieben ist. Nach neuen Forschungsbefunden unterscheiden wir insgesamt sechs Förderdimensionen in unserer Fortbildungskonzeption.

Förderdimension I                       

Vorläuferkompetenzen
Vorschulzeit & Risikoschüler
Förderbereiche im Detail

  • Differenzierte mündliche Sprachfähigkeit  & Kenntnis strukturierter Satzmuster
  • Vorleseerfahrungen (zuhören, Fragen stellen, Inhalte speichern) Bilderbücher ansehen & darüber sprechen
  • Zusammenhänge in alltagsnahen Geschichten erkennen (erstes Kontextwissen nötig)
  • Phonologische Bewusstheit entwickeln (Reime bilden, Silben klatschen, An-,Mittel- und Endlaute hören)

Förderdimension II                     

Buchstaben-, Wort- und Satzerkennung
1. u. 2. Klasse & Risikoschüler
Förderbereiche im Detail

  • Visuelle Wahrnehmung
  • Phonologische Bewusstheit
  • Phonem-Graphem-Korrespondenz & Worterkennung
  • semantische Verfügbarkeit von Wörtern
  • Verknüpfung von Buchstaben, Wörtern und Sätzen (Dekodierfähigkeit)
  • Aufbau einer inneren Repräsentation des gelesenen Satzes
  • Automatisierungsprozesse in der Worterkennung und der Satzsequenzbildung
  • Kurz- und Langzeit-Gedächtnisleistungen
  • einfaches Kontextwissen aus dem Kinderalltag
  • semantische Sequenzbildung (leichte Kurztexte flüssig erlesen können)
  • einfache explizit im Text aufgeführte Informationen erkennen

Förderdimension III         

Sinnbildung über wenige Sätze (lokale Kohärenzbildung)        
1. bis 3. Klasse & Risikoschüler

Förderbereiche im Detail

  • inhaltliche Verknüpfung von Satzfolgen
  • Bildung von Sinnzusammenhängen im Satz und über wenige Folgesätzen
  • explizit im Text auffindbare Informationen (auch auf Fragen hin) erkennen und speichern
  • mehrere Informationen speichern und verschiedene Informationen zu einer Gesamtinformation bündeln
  • Zusammenhänge in Sätzen, zwischen Sätzen und in Absätzen erkennen, bündeln und bewerten
  • Konstruktion von lokalen Stimmigkeiten
  • offensichtliche und einfache Verknüpfungen von Textinformationen mit eigenem Weltwissen (mentale Repräsentation)

Förderdimension IV         

Sinnbildung über den ganzen Text
(Globale Kohärenzbildung)

2. bis 6. Klasse

Förderbereiche im Detail 

1. Zusammenhänge konstruieren

  • erkennen, wovon insgesamt die Rede ist
  • Zusammenhänge in längeren Textabsätzen erkennen und speichern können
  • Zusammenhänge zwischen Textteilen/Absätzen erkennen
  • sachlogische Reihenfolgen erkennen bzw. unlogische Reihungen korrigieren
  • nachvollziehbare und plausible Zusammenhänge konstruieren

2. Verknüpfung Textinformation mit eigenem Weltwissen / mit Kontextwissen

  • über eigenes differenziertes Weltwissen zur gelesenen Thematik verfügen
  • sachgemäße Zusammenhänge zwischen Textinformationen und eigenem Weltwissen erkennen
  • Vermutungen zum Gesamtsinn auf Basis von Kontextwissen aufstellen können
  • Bildung einer differenzierten und strukturierten Gesamtvorstellung des Textes (Makrostrukturen)
3. Sinnleerstellen (Inferenzen) auffüllen & Verständnisprobleme lösen
  • selbstverständliche mentale Auffüllung von Sinnleerstellen (Inferenzen) durch  Kontextwissen
  • Inhalte, die nur implizit im Text erscheinen, durch multiple Verknüpfungen erschließen können
  • über Strategien verfügen, die schwierige Textstellen aufhellen können (nochmals lesen, verlangsamt lesen, im Text nach unterstützenden Informationen suchen, in Lexika nachschlagen, …)
  • zusammen mit anderen Schülern/Experten/Lehrern/Erwachsenen nach Lösungen suchen

4. Graphiken, Tabellen und Bilder sinnvoll entschlüsseln können

  • Zahlen und Kurven in Tabellen, Grafiken und Bildern in Beziehung setzen können
  • graphische Informationen mit Textinformationen verknüpfen können
  • den Mehrwert von graphischen Infomationen interpretierend erkennen können

5. Reflektierend lesen – Texte bewerten

  • zurückliegende Lektüre als Wissensbestand in neue Leseprozesse integrieren
  • unterschiedliche Meinungen vergleichen und bewerten sowie eigene Wertentscheidungen treffen
  • langfristig eine Wissenskette, auf die man im Bedarfsfalle zurückgreift, aufbauen
  • über Texte begründet diskutieren und die eigene Meinungsposition weiterentwickeln

Förderdimension V         

Erkennen von Superstrukturen und
Textdarstellungsstrategien
4. bis 6. Klasse nur für sehr geübte Leserinnen und Leser

  • Erfassen von textsortenspezifischen Charakteristika
  • Hypothesenbildung auf Grund von Textstrukturvorkenntnissen & Blick auf den Text aus der Metaperspektive
  • formale und inhaltliche Entschlüsselung von rhetorischen, stilistischen und argumentativen Schreibstrategien

Förderdimension VI         

Leseselbstkonzept, Lesekultur
und Anschlusskommunikation                      
1. bis 7. Klasse
Förderbereiche im Detail 

1. Selbstkonzept und Motivation

  • Selbstwirksamkeitsüberzeugung (“Fällt mir das Lesen leicht?” “Schaffe ich auch schwere Texte?”)
  • emotionale Beteiligung beim Lesen (“Kann ich eine innere Beteiligung beim Lesen aufbauen?”)
  • Lesemotivation (“Entstehen Neugierde-, Spannungs und Genussgefühle?”)
  • Interessensbezug (“Werden meine Interessen angesprochen?” “Kann ich meine Lieblingsbücher lesen?”)

2. Umgang mit Leseschwierigkeiten – Entwicklung von Anstrengungsbereitschaft

  • innere Bereitschaft entwickeln, sich bei Schwierigkeiten im Verstehensprozess anzustrengen und Probleme auszuhalten
  • schwierige Textstellen konstruktiv lösen (Textstelle wiederholt lesen, im Text springen, externe Informationen einholen, schnell Hypothesen bilden und hoffen, dass sie Seiten später geklärt werden)
  • kommunikativ um Unterstützung nachsuchen und neue Lesemotivation nach Krisen aufbauen

3. Aufbau einer Lesekultur in der Schulgemeinschaft & Anschlusskommunikation 

  • eigene Schulbibliothek & Kooperationen mit öff. Büchereien, Eltern, Lesepaten und externen Experten
  • Vorleserituale in der Klasse und klassenübergreifend
  • schulhauseigene Kultur – Lesen als alltägliche und selbstverständliche Erfahrung gestalten
  • Meinungsdiskurse über Texte und Bücher ermöglichen & Lesen in der Peergroup ermöglichen und fördern