Lesestandards

 

1. Definitionen Standards und Kompetenzen

In einer Expertise „Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards“ (2007/2009) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (Eckhard Klieme u.a.) werden grundsätzliche Aussagen zu Bildungsstandards gemacht. Wörtliche Zitate daraus werden kursiv gekennzeichnet. Die Expertiseautoren definieren Bildungsstandards wie folgt: „Bildungsstandards greifen allgemeine Bildungsziele auf. Sie legen fest, welche Kompetenzen die Kinder oder Jugendlichen bis zu einer bestimmten Jahrgangsstufe mindestens erworben haben sollen. Kompetenzen werden so konkret beschrieben, dass sie in Aufgabenstellungen umgesetzt und prinzipiell mit Hilfe von Testverfahren erfasst werden können. Die Darstellung von Kompetenzen, …, ihrer Teildimensionen und Niveaustufen, kommt in diesem Konzept ein entscheidender Platz zu. Kompetenzmodelle konkretisieren Inhalte und Stufen der allgemeinen Bildung.“ (S.9)

 

Bildungsstandards haben drei Funktionen:

  • Zielorientierung auf verbindliche Ziele
  • Öffnung für schulspezifische Förderkonzeptionen
  • Ermöglichung einer annähernd objektiven Evaluation mittels standardisierter Testverfahren

Bildungsstandards helfen Schulen, sich auf differenzierte und verbindliche Ziele einzulassen. Die aus den Standards formulierten einzelnen Kompetenzen und Kompetenzniveaus ermöglichen die fachdidaktisch und pädagogisch begründete Entwicklung von Kompetenzmodellen und Förderkonzeptionen. Der Freiraum der Schulen für besondere Lernwege mit Blick auf die eigene Schülerschaft wird mit dieser Struktur erhöht. Die Arbeit mit Bildungsstandards und Kompetenzbeschreibungen erlaubt auch eine interne Evaluation der geleisteten Förderarbeit mit Hilfe von standardisierten Testverfahren.

 

Was versteht man konkret unter Kompetenzen? Bildungsstandards und Kompetenzen sind Begriffe, die nicht auf Listenpunkte von Lerninhalten wie in klassischen Lehrplänen zurückgreifen. Kompetenzen beziehen sich auf „ (…)Grunddimensionen der Lernentwicklung in einem Gegenstandsbereich (einer „Domäne“, wie Wissenspsychologen sagen, einem Lernbereich oder einem Fach). Kompetenzen spiegeln die grundlegenden Handlungsanforderungen, denen Schülerinnen und Schülern in der Domäne ausgesetzt sind. Durch vielfältige, flexible und variable Nutzung und zunehmende Vernetzung  von konkreten, bereichsbezogenen Kompetenzen können sich auch ‚Schlüsselkompetenzen’ entwickeln, aber der Erwerb von Kompetenzen muss – wie Weinert (2001) hervorhebt – beim systematischen Aufbau von „intelligentem Wissen“ in einer Domäne beginnen.“ (ebd. S. 21f)

Die spezifische Ausprägung von Kompetenzen wird nach Weinert von verschiedenen Teilbereichen definiert:

  • Fähigkeiten
  • Wissen
  • Verstehen
  • Können
  • Handeln
  • Erfahrung
  • Motivation
  • Verantwortung (neu)
  • Soziale Eingebundenheit (neu)

Die Kompetenz, zum Beispiel eine Schullandheimfahrt in der 4. Jahrgangstufe als Klasse selbstgesteuert zu organisieren, hat ein komplexes Bündel von Teilkompetenzen zugrundeliegen. Die Klasse muss Briefe/Emails verschicken an Busunternehmen und Herbergen verschicken (Können und Fähigkeiten), Fahrpläne studieren (Verstehen), ein Programm aufstellen (Erfahrung), Klassendiskussionen organisieren (Handeln), die Organisation durchziehen (Verantwortung), verschiedene Interessen der Jungen und Mädchen berücksichtigen (soziale Eingebundenheit) und sich über verschiedene Beförderungsalternativen (Wissen und Verstehen) nach Kosten- und Umweltkriterien informieren und darüber entscheiden.

Der Kompetenzbegriff und das Fördern von Kompetenzen unterscheiden sich sehr von der herkömmlichen additiv punktuellen Lehrplanerfüllung. Der hier verwendete Kompetenzbegriff meint nicht nur Wissen, sondern auch Fähigkeiten und Fertigkeiten, um Lebensanforderungen gerecht zu werden. Hier werden auch Dimensionen wie Leistungsbereitschaft, Interessen, Motive und Verantwortung einbezogen. Franz Weinert (2001, S. 27f.) versteht Kompetenzen sehr dynamisch und vielfältig als, „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen  und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“

Beispielsweise drückt sich die Lesekompetenz in unterschiedlichen Dimensionen aus:

  • Lesekompetenz ist, wenn Schüler Fahrpläne und Informationen der Bundesbahn so verstehen können, dass sie weitgehend selbstgesteuert die Fahrt zu einem Schullandheim organisieren können.
  • Lesekompetenz ist, wenn Schüler aus mehreren Sachtexten wesentliche Informationen erkennen, unwichtige Details streichen und einen roten Faden im geforderten Referatsablauf generieren können.
  • Lesekompetenz ist auch, wenn Schüler auf Basis eines Sachartikels begründete Diskussionsbeiträge in ein Sachgespräch einbringen können.
  • Lesekompetenz ist, wenn sich Schüler auf einen Roman ihrer Interessenswahl inhaltlich wie emotional im Sinne eines ‚Leseflows’ einlassen können und darüber mit ihren Klassenkameraden kommunizieren.
  • Lesekompetenz ist zum Beispiel auch die Fähigkeit eines Schülers, sich bei schwierigen Textstellen helfen zu können, indem er den Text nochmals liest, wiederholt langsam liest, im Text vor und zurückspringt, um Zusatzinformationen zu sammeln und sich im Bedarfsfalle externe Hilfe holt, um das Verstehensproblem aktuell und schnell zu lösen.

Das Bildungsstandard-Kompetenzmodell formuliert eine pragmatische Antwort auf die Probleme bei der Umsetzung der traditionellen Lehrplanansätze. Lehrpläne sind nur selten didaktisch und methodisch durchdachte Förderkonzeptionen, sondern eher eine wenig zusammenhängende Sammlung wichtiger Bildungsinhalte im Detail. Bildungsstandards und Kompetenzmodelle erlauben die Entwicklung von in sich geschlossenen und fachdidaktisch abgesicherten Förderkonzeptionen, die auf die Bedürfnisse der speziellen Schülerschaften der einzelnen Schulen direkt eingehen können. Dies eröffnet Gestaltungsräume für die Schulen und nimmt gleichzeitig die Schulen mehr in die Verantwortung für die Umsetzung ihrer Förderziele. Für diese neue Aufgabenstellung benötigen viele Schulen Unterstützung in Form von Netzwerken und praxistauglichen Weiterbildungsveranstaltungen.

Zusammenfassend beschreiben Klieme u.a. (2007/2009, S. 71) die Rolle von Kompetenzmodellen wie folgt:

„Die Rolle von Kompetenzmodellen besteht darin, zwischen abstrakten Bildungszielen und konkreten Aufgabensammlungen zu vermitteln. Modellvorstellungen über den Erwerb von Kompetenzen helfen nicht nur bei der Gestaltung von Testverfahren, sondern bieten zugleich Anhaltspunkte für eine Unterrichtspraxis, die an den Lernprozessen und Lernergebnissen der Schülerinnen und Schüler im jeweiligen Lernbereich orientiert ist und nicht allein an der fachlichen Systematik von Lehrinhalten.“

Die internationale Entwicklung von Bildungsstandards wird über kurz oder lang auch eine Abkehr von den herkömmlichen detailorientierten, aber pädagogisch-didaktisch eher konzeptionslosen Lehrplänen nach sich ziehen. Dafür werden Kerncurricula entwickelt werden, wie zum Beispiel in den skandinavischen Ländern, die sich aus den Bildungsstandards und Empfehlungen für didaktisch-methodische und pädagogische Lehr-Lernkonzeptionen zusammensetzen.