1.1.2 Forschungsergebnisse

Lesen gilt in der Unterrichts-, Lehr- und Lernforschung als eine der entscheidenden Basisqualifikationen, ohne die erfolgreiches Lernen nicht möglich ist. Die Forschung fussnote zum Erwerb von Lesekompetenz hat in den letzten 20 Jahren enorm an Fahrt aufgenommen. Manche Daten sind eindeutig und durch viele Studien bestätigt, so dass gute Praktikerinnen und Praktiker daran nicht vorbeikommen. Eine systematische Leseförderung in allen Klassenstufen bedarf einer Entwicklung der gesamten Organisation einer Schule fussnote – also der Einzelschule und ihrer Teile. Wie wesentlich diese Auseinandersetzung mit dem „state of the art" ist – also dem am höchsten verfügbaren Entwicklungsstand der Lesedidaktik und -methodik sowie der Schulentwicklung – zeigen die Ergebnisse des EU-Projekts ADORE.
ADORE fussnote untersuchte in 11 EU-Ländern Best-Practice-Modelle zur Förderung leseschwacher Jugendlicher und leitete daraus Schlüsselelemente für eine erfolgreiche Leseförderung ab. Zwei zentrale Erkenntnisse lauten:
a) Positive Initiativen von Einzelnen bleiben wirkungslos, wenn sie nicht gestützt werden durch Maßnahmen oder Strukturen auf Schulebene (z.B. Partizipation der Lehrkräfte), regionaler und nationaler Ebene (z.B. Weiterbildung, Leseforschung und finanzielle Unterstützung). (S.14)
b) Kontinuierliche (Weiter-)Qualifizierung aller Beteiligten ist Grundlage für effiziente Leseförderung. (S.15)
Ebenso weiß man heute viel über effektive Organisations-Entwicklungsschritte einer Schule auf dem Weg zu hoher Unterrichtsqualität. fussnote Ohne Leitbild- und Schulprogramm, ohne flexible Schulleitungen und kreative Steuergruppen sind wirklich gute Schulen nicht mehr vorstellbar. ADORE (ebd. S. 10ff.) hat nach Evaluationen in elf EU-Ländern beispielhaft sieben Schlüsselelemente einer guten Praxis auf der Ebene des Unterrichts und sechs Schlüsselelemente auf übergeordneter Ebene formuliert (in Teilen – kursiv - ergänzt durch einige Erfahrungen aus den FOKUS- und MÜKOS-Projekten des Lehrstuhls für Grundschulpädagogik LMU München):

 

Sieben Key-Elemente einer guten Praxis auf der Ebene des Unterrichts (ADORE)

  • Ein unterstützendes Interaktionsklima schaffen
    (positives Selbstkonzept und Selbstwirksamkeitsüberzeugung entwickeln)
  • Diagnostische (formative) Assessments einsetzen
    (Schülerbeobachtung und adaptiver Unterricht sowie Testverfahren einsetzen)
  • Die Schülerinnen und Schüler in die Planung ihrer Lernprozesse einbeziehen
    (Lernmotivation stärken durch Einbeziehung der Schülerinteressen)
  • Zu Lernbedürfnissen passende Lesestoffe anbieten
    (Subjektiv bedeutende und thematisch interessante Texte auswählen)
  • Die Schülerinnen und Schüler in Texte verstricken
    (Leseflow sowie eigene Reaktionen und Meinungen methodisch ermöglichen)
  • Kognitive und metakognitive Lesestrategien vermitteln (Lese-Monitoring)
    (Hilfen zum Tiefenverständnis anbieten und Selbstkontrollprozesse evozieren
  • Eine anregende Leseumgebung gestalten (Entwicklung schulspezifischer Lesekultur)
    (Klassen- und Schulbücherei, Texte in verschiedenen Niveauklassen, Computerprogramme, Lexika, Leseecken, Angebot der aktuellen Kinderbuchreihen, Lesenächte, Autorenlesungen, Kinderzeitschriften als Auslage in der Aula, ... )

 

Sechs Key-Elemente einer guten Praxis auf der übergeordneten Ebene (ADORE)

  • Partizipation der Lehrkräfte und Engagement der Schulleitung
  • (Bottom-up-Prozesse mit Top-down-Prozessen verknüpfen, Weiterbildung langfristig verankern, Motivation der Lehrerinnen und Lehrer stärken)
  • Multiprofessionelle Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer
  • (Kooperation mit externen Experten, Unterstützung bei Diagnostik u. Evaluation)
  • Kommunale Unterstützung der Schulen
  • (Hilfe bei Kooperation und Finanzierung – mindestens 10.000 € je Schuljahr)
  • Rechtliche und finanzielle Ressourcen
  • (Recht auf Fördermaßnahmen, Finanzierung von Liftkursen und Leseschienen)
  • Leseforschung und Wissenstransfer
  • (Theoretische Fundierung und Unterstützung der Praxis sowie Implementierung von Transfermechanismen zwischen Forschung und Praxis)
  • Aus- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern
  • (Institutionalisierte Lehrerausbildung in Lese- und Schreibdidaktik sowohl im Anfangsunterricht wie in den Jahrgangsstufen drei und vier sowie im Sekundarbereich)

Diese Erkenntnisse müssen einen Weg in die Köpfe aller Beteiligten finden. Man weiß, dass es nicht als Selbstläufer nur über das Studium von Fachzeitschriften zu erwarten ist. Neues didaktisches Wissen und Können kommt an die Schulen, wenn die Schulen sich gemeinsam als ganze Organisation um fachliche Weiterbildung bemühen.